Ideenliteratur: Themen und Impulse über Plot und Charaktere hinaus

Ideenliteratur

Neun Figuren, ein Dreiviertelplot, 1001 Idee? Warum mein Debütroman Zeichen von Herbst nicht hundertprozentig auf dem Kontinuum zwischen Genre- und »echter« Literatur einzuordnen ist und worum es darin abseits von Aske, Miroir und dem Palais eigentlich geht.

Es gibt Romane, die aufgrund ihrer Sprache und ihrer Thematiken schnell und einfach zu lesen sind. Und es gibt Romane, die den Leser herausfordern. »Wenn etwas einfach zu lesen ist, war es schwierig zu schreiben«, heißt es nach einem Zitat von Nathaniel Hawthorne. Natürlich entspricht es der Wahrheit, dass ein Satz, der einen komplizierten Sachverhalt präzise und verständlich zusammenfasst, nicht selten einigen Feinschliff erfordert. Dass aber ein einfach zu lesender Roman ein guter Roman ist – und andersherum –, würden viele Leser vehement verneinen. Denn die Kriterien für einen guten Roman sind unterschiedlich, je nachdem, was man sich von der Lektüre erhofft.

Eine gängige Unterteilung von Romanen ist die nach ihrem Fokus. Es gibt Romane, die »plot-driven« sind (was auf die meiste Genre-Fiktion zutrifft, beispielsweise Fantasy, Horror, Thriller) und solche, die »character-driven« sind (oft in Form literarischer Fiktion, also Erzählungen). Wenn der Plot im Zentrum steht, sollte dieser spannend und originell sein, während die Charaktere in erster Linie dazu dienen, ihn voranzutreiben – und dementsprechend eindimensional wirken. Andersherum scheint Romanen, in denen es sich primär um die Figuren dreht, die strukturierte Handlung zu fehlen, die der durchschnittliche Leser erwartet.

Wenngleich Zeichen von Herbst eine originelle Handlung vorzuweisen hat, die auf ihre Weise spannend ist, gehört der Roman gewiss nicht in die Kategorie »plot-driven«. Dazu sind die Gedanken und Empfindungen der Figuren zu detailliert beschrieben, der Erzählstil zu ruhig und detailverliebt, darauf abzielend, Momente und Motive präzise zu beschreiben, statt dem Leser, wenn man so will, einen literarischen Film in Echtzeit vorzuspielen. Ein Beispiel:

Iris war bemüht, Verständnis für diese Art des Rausches aufzubringen. Sie hieß nicht einmal das Trinken gut, das ihres Erachtens im Übermaß etabliert war. Ein einziges Mal hatte sie ihn selbst versucht, ehe sie dem Alkohol abschwor. Ihr war mitnichten irgendetwas Unerfreuliches widerfahren, während sie betrunken war, noch hatte sie sich zu Dummheiten hinreißen lassen. Es war nichts geschehen, abgesehen davon, dass sie am nächsten Morgen die körperlichen Konsequenzen zu ertragen hatte. Sie war zu dem Schluss gekommen, dass es diese Unannehmlichkeiten nicht wert war, sich für einige wenige Stunden der Albernheit und Achtlosigkeit anheimzugeben. Sie empfand die Gesellschaft anderer Menschen im Allgemeinen als erquicklich und sich selbst als unterhaltsam genug, dass ohnehin keinerlei Notwendigkeit bestand, der Stimmung künstlich auf die Sprünge zu helfen.

Oder:

Als er dastand und innehielt, meinte er die Nacht hinabströmen zu hören wie feinen Sand in einer Sanduhr, hinab auf ihn, auf Bäume und Sträucher, auf Wege, die Wälder und Hage durchmaßen. In einigen Stunden würden Laternen den Stadtpark und diese Brücke mit einer kalten, gespenstischen Stille bescheinen, sie mit Geheimnissen und poetischen Bedeutungen füllen. Mit den letzten Sonnenstrahlen würde gestorben sein, was der Abend unter seinem Frühlingsschleier an hoffnungsvollen Gedanken mit sich gebracht hatte. Etwas erfasste Miroir; er riss sich los, beschleunigte seine Schritte, rannte für einen Moment. Er ergriff vor nichts die Flucht, er verlor sich Hast nur um des Pulses willen.

Ist Zeichen von Herbst also ein charaktergetriebener Roman? Die Figuren sind detailliert beschrieben, erzählen die Geschichte als Focaliser quasi aus ihrer Perspektive und haben individuelle Thematiken, mit denen sie sich im Laufe des Romans beschäftigen – doch ist es das, was den Roman ausmacht? Man mag weiterlesen, um zu erfahren, ob das Palais die Sehnsüchte der Figuren stillt – und warum beziehungsweise warum nicht –, aber ist da nicht eine Facette des Werks, die den Leser vielleicht stärker noch voranzieht? Die mir als Autor mehr noch am Herzen lag?

Jenseits der Dichotomie

Man könnte Zeichen von Herbst – und im Übrigen auch das Komplementärwerk – als »idea-driven« bezeichnen. Handlung und Figuren sind die Leinwand für künstlerische, philosophische, politische Ideen, für Szenen und Bilder. Das Konkrete die Projektionsfläche für das Abstrakte. Ideen aus den genannten Themenbereichen können in jedem fiktionalen Werk vorkommen, doch oft nur als Extra oder als obskure Botschaft für den besonders aufmerksamen Teil des Publikums, der nach weiterreichender Bedeutung lechzt, über den Plot und die Charaktere hinaus, nach Bedeutung für das eigene Leben, manchmal für die Menschheit und das Menschsein im Allgemeinen.

Zeichen von Herbst fragt nicht nur, was Glück für Miroir ist, oder auf welche Weise er es findet. Der Roman geht über das Individuum des alltagsverdrossenen Künstlers hinaus und fragt, was Glück ist – Punkt. Es geht in Wirklichkeit weder um Miroir noch um das Palais. Es geht um den Leser. Um dich und mich, uns alle. Das sind hochtönende Worte, anmaßende. Es ist ein überambitioniertes Ansinnen, nach allen Philosophen und Künstlern der Vergangenheit noch etwas Bedeutsames zum Thema Glück beitragen zu wollen, das nicht bereits viele Male besser ausgedrückt wurde. Nichtsdestotrotz war es der Aspekt des Romans, der mir der größte Anreiz und Antrieb war.

Klassische narrative Strukturen: Bewährt – aber abgedroschen

Warum fokussiert sich Zeichen von Herbst auf Ideen? Warum hält sich der Roman nicht an das bewährte narrative Schema, an dem sich Autoren, wenn sie gut verkäufliche Bücher schreiben wollen, zu orentieren haben? Warum begnügt er sich nicht damit, die Entwicklung der Figuren auf Basis von Darstellung, Problematisierung und Überwindung charakterlicher Defizite zu beschreiben? Es ist möglich, Handlung und Figuren von Zeichen von Herbst mit solcher Terminologie zu beschreiben, doch warum sind das nicht die Strukturen, die dem kreativen Prozess zugrunde lagen?

Zweifelsohne haben sich im Laufe der menschlichen Kulturgeschichte bestimmte narrative Strukturen als besonders wirkungsvoll erwiesen, und der Mensch als soziales und empathiefähiges Wesen verfolgt das Schicksal anderer im Allgemeinen mit Neugier. Doch auch wenn die narrative Struktur von Zeichen von Herbst nicht in abstrusem Maße von der Norm abweicht – so lassen sich drei Akte und der zweite Klimax leicht erkennen – und die Figuren durchaus mit sich selbst und ihrer Umwelt zu hadern haben, waren es vor allem die abstrakten Ideen, die der Roman transportieren sollte. Action, Spannung und Drama kommen sporadisch vor, eingestreut, etwa so, wie in konventionellen Romanen humorvolle und erotische Passagen vorkommen können, die interessante Akzente setzen, ohne die Gesamtwirkung zu beeinträchtigen.

Was soll das ganze Drama?

Es sind vor allem die narrativen Phasen und Elemente, die mit Konflikten in Zusammenhang stehen, deren Integration in einen ideenfokussierten Roman sich als schwierig erweist, wenn nicht jede der vielen unterschiedlichen Ideen, die in Zeichen von Herbst literarisch verarbeitet werden, in hitzigen Diskussionen einander missbilligender Figuren dargestellt werden sollte. Stattdessen sollten Ideen jederzeit am Rande diskutabel sein, was eine ruhige, also relativ harmonische Grundstimmung erforderte.

Überhaupt: Ist Konflikt nicht ein überbewertetes, zu oft und wie selbstverständlich verwendetes Motiv in fiktionalen Werken? Ob intra- oder interpersonell, ob zwischen Gut und Böse oder im »guten Dilemma«, Konflikt ist kräftezehrend für den Rezipienten und, so sei es als provokante Hypothese zur Diskussion gestellt, wenig gewinnbringend. Es wühlt auf, ohne dass man viel Neues daraus lernt. Schon in jungen Jahren weiß man, wie Konflikte zu lösen sind: durch Aussprache, durch Reflexion, vielleicht sogar durch physische Auseinandersetzung. Man weiß es aus eigener Erfahrung oder aus tausend anderen fiktionalen Werken. Die Darstellung von Konflikt und Lösung in Roman, Film und Spiel kann sich nur wiederholen. Eine weitere Anleitung dieser Art braucht die Welt nicht.

Man soll seinen Protagonisten quälen, heißt es in Schreibtipps auf Autorenblogs, sich die Frage stellen, was das Schlimmste wäre, das in dieser oder jener narrativen Phase passieren könnte. Wozu? Braucht jemand, der Thriller gelesen, Superhelden-Filme gesehen und Egoshooter gespielt hat, eine weitere Instanz von Konflikt in Zeichen von Herbst? Hat unsere Gesellschaft es nötig, durch den katharsischen oder eskapistischen Effekt fiktionaler Konfliktlösung hundert- und tausendfach von Aggression und Selbstzweifeln geläutert zu werden? Vielleicht. Doch den Lesern, die ich gewinnen möchte, geht es vielmehr um intellektuelle Stimulation, von der Konflikte – abgesehen von der gelegentlichen, dem Zweck zuträglichen Meinungsverschiedenheit – nur ablenken würden. Es geht um Konversation statt Konfrontation, um Geisteshaltungen statt Handgreiflichkeiten.

Nicht Katharsis ist also das Ziel des Romans, sondern das Gegenteil: Er soll Impulse geben. Er soll nicht nur gelesen, sondern auch mit Verwandten, Freunden, vielleicht sogar Unbekannten besprochen und diskutiert werden. Leser sollen das Für und Wider der Handlungen und Aussagen der Figuren abwägen und ihre Gedanken äußern. Ein Buch, über das nicht diskutiert wird, ist ein Misserfolg.

***

Äußern Sie auch hier Ihre Gedanken: Lesen Sie am liebsten Genre-Literatur und empfinden einen actionreichen Plot als spannend, auch wenn sich Elemente wiederholen und manches vorhersehbar wird, interessieren Sie sich für die Gedanken detailliert ausgearbeiteter Figuren oder möchten Sie vor allem intellektuell gefordert sein?

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