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Provokante Gegenwartsliteratur: Diese Romane müsst ihr gelesen haben

Beitragsbild Provokante Gegenwartsliteratur

Die meisten lesen zur Unterhaltung. Sie wollen in fremde Welten eintauchen, sich mit sympathischen Figuren identifizieren oder sich von unerwarteten Wendungen mitreißen lassen. Einige lesen jedoch, um mehr über den Menschen an sich und unsere Gesellschaft zu erfahren – und das gerne pointiert und ungeschönt. Wenn ihr dazugehört, sind hier ein paar Buchempfehlungen für euch!

Gute Kunst ist – zumindest nach vormoderner Definition – schön, aber auch nützlich: Sie stellt die Welt und den Menschen dar. Literatur ist da keine Ausnahme; es ist durchaus so, dass man durchs Lesen viel über sich und andere lernt. “In einem guten Buche stehen mehr Wahrheiten, als sein Verfasser hineinzuschreiben meinte”, so lautet ein Zitat von Marie von Ebner-Eschenbach. Ähnlich mystifizierte auch Thomas Carlyle die Literatur: “In Büchern liegt die Seele aller gewesenen Zeit.” 

Aber ist denn alles, was wir lesen, Kunst? Kommt es nicht stark aufs Genre an, wie ausgeprägt die Ergriffenheit und der Erkenntnisgewinn durch Lektüre ist? Natürlich können wir auch einem Mainstream-Krimi viele interessante und praktische Informationen entnehmen, mit philosophischen Themen aber ist wohl nur in Ausnahmefällen zu rechnen.

Nein, wer auf der Suche nach zeitloser anthropologischer Wahrheit ist, muss die Klassiker lesen, die ja nicht ohne Grund ebensolche sind: Sie haben die Zeit überdauert, weil sich darin etwas von universellem Interesse finden lässt.

Das ergiebigste Genre für Leser, die stattdessen oder darüber hinaus etwas über aktuelle gesellschaftliche Zusammenhänge erfahren wollen, ist jedoch zweifelsohne – und gewissermaßen komplementär zur klassischen – die Gegenwartsliteratur.

Definition

Was ist eigentlich Gegenwartsliteratur? Eine klare Definition von Gegenwartsliteratur, die übrigens auch als zeitgenössische Literatur bezeichnet wird, gibt es nicht. Es gibt sie nicht in Form einer Jahreszahl, ab der wir bei den da erschienenen Büchern von Gegenwartsliteratur sprechen könnten. Manchmal werden 1945 oder 1989 als mögliche Zäsuren genannt, die Gegenwartsliteratur von älterer Literatur abgrenzen könnten, Einigkeit herrscht diesbezüglich jedoch nicht. 

Ebenso wenig gibt es eine Definition als Liste von Stilmitteln, anhand derer sich ein Werk eindeutig der Gegenwartsliteratur zuordnen ließe.

Wenn ich persönlich den Begriff verwende, meine ich damit wesentlich neuere Literatur als Literatur von 1945 oder 1989 – wie ihr weiter unten sehen werdet. Objektive Kriterien habe aber auch ich nicht; was ich als Gegenwartsliteratur wahrnehme, kann sehr unterschiedlich sein.

Entscheidend ist aus meiner Sicht, dass man die Gesellschaft, in der wir jetzt leben, in hohem Maße wiedererkennt. Das Werk muss eine Aktualität besitzen, die es für die spezifischen Fragen unseres Alltags im voranschreitenden 21. Jahrhundert relevant macht. Anders ausgedrückt, muss es so gestaltet sein, dass ein Mensch späterer Jahrzehnte oder Jahrhunderte bei der Lektüre einen Einblick in die Irrungen und Wirrungen, in die Hoffnungen und Herausforderungen unseres heutigen Lebens erhält.

Empfehlungen

Also, welche Romane wären am besten geeignet, den Menschen der Zukunft ein Bild der gegenwärtigen Gesellschaft zu vermitteln? Ich habe acht mehr oder weniger bekannte Autoren (und einen weiteren) ausgesucht und jeweils einen Buchtipp (bzw. zwei). Damit dieser Artikel nicht allzu lang wird, reiße ich jedes Buch nur kurz an – metaphorisch gesprochen, beruhige dich! –, verlinke jedoch die Amazon-Seite, für den Fall, dass du mehr wissen willst.

Michel Houellebecq

Wäre es eine steile These, zu behaupten, dass Michel Houellebecq der wohl bekannteste Autor provokanter Gegenwartsliteratur ist? Ich finde nicht. Jedenfalls bin ich sicherlich nicht der Einzige, dem dieser Name als erster in den Sinn kommt. Houellebecq hat bereits zahlreiche Romane veröffentlicht, die eines gemeinsam haben: nämlich dass sie nüchtern bis zynisch die Imperfektionen und Tragödien unserer Gesellschaft offenlegen – eingebettet in einen mal mehr, mal weniger interessanten Plot.

Plattform

Sein Roman Plattform (2001) gehört für mich ganz klar zur ersten Kategorie. Der Erzähler, der ebenfalls Michel heißt, ist ein ziemlich langweiliger, frustrierter Geselle mittleren Alters und insofern ein typischer Houellebecq-Protagonist. Auf einer Thailand-Reise – von der er sich vor allem Vergnügungen erhofft – lernt er die 27-jährige Tourismus-Managerin Valérie kennen. Die beiden werden ein Paar und entwickeln, unzufrieden damit, wie schwierig sich die Suche nach sexueller Erfüllung für gewöhnlich gestaltet, gemeinsam ein touristisches Konzept, eine Plattform zum Glück – die titelgebende –, die sich als überaus erfolgreich erweist.

Frédéric Beigbeder

Durchaus vergleichbar mit Michel Houellebecq ist Frédéric Beigbeder. Beide sind Franzosen, sogar miteinander befreundet, beide sind bekannte Schriftsteller und beide haben sich bereits viele Male der literarischen Gesellschaftskritik gewidmet. Wo Houellebecq allerdings Nüchternheit und Zynismus an den Tag legt, neigt Beigbeder oft zur Poesie und zur Pointe. 

Besonders deutlich wird Beigbeders Witz in seinem mehr oder weniger fiktiven Tagebuch Der romantische Egoist, in dem Einträge zu finden sind wie: “Als ich anfing, diesen Satz zu schreiben, war ich aufrichtig davon überzeugt, ich hätte etwas Interessantes zu sagen, und das ist nun das Ergebnis.” Empfehlen würde ich aber stattdessen Neununddreißigneunzig (ebenfalls 2001 erschienen; gutes Jahr!), und zwar aus dem einfachen Grund, dass ihr danach noch mehr Freude an der meines Erachtens sehr gelungenen Verfilmung haben werdet. Die Hauptfigur Octave Parango hat nicht nur einen coolen Namen, sondern gibt auch interessante Einblicke in die teilweise absurde Welt der Werbung. Dabei sagt er Sachen wie: „Man kann alles kaufen: die Liebe, die Kunst, den Planeten Erde, Sie und mich. Vor allem mich.“ Grandios!

Matias Faldbakken

Matias Faldbakken ist ein Autor, der sich in den letzten Jahren auf überraschende Weise weiterentwickelt hat. The Hills war beinahe langweilig – gewollt –; Wir sind fünf wartete mit fantastischen Elementen auf. Der Faldbakken von früher war kaum mehr erkennbar.

Der nämlich hat die “Skandinavische Misanthropie” geschrieben, deren drei (nur stilistisch zusammenhängende) Teile 2003, 2005 und 2009 in Deutschland veröffentlicht wurden. Mein Favorit ist Macht und Rebel. Wenn ich so darüber nachdenke, ist es wohl der provokanteste Roman, den ich je gelesen habe. Faldbakken macht vor gar nichts Halt. Er überschreitet eine Grenze nach der anderen, tut es aber, wenn man so will, mit Lässigkeit und einem Grinsen im Gesicht. Wer so etwas lesen kann, ohne sich auf jeder zweiten Seite zu moralischer Empörung hinreißen zu lassen (oder genau darin einen gewissen Reiz sieht), findet hier ein absolutes Highlight der Trashliteratur. 

Wer es etwas gediegener mag, kann die erwähnten The Hills und Wir sind fünf lesen, die nicht besonders provokant, aber trotzdem sehr gelungen ist.

Chuck Palahniuk

Jeder kennt Chuck Palahniuk, aber kaum einer weiß, wie man seinen Namen ausspricht (ich auch nicht). Palahniuk ist ein sehr produktiver Autor, dessen literarische Ideen aus den unterschiedlichsten Quellen stammen – weshalb seine Romane thematisch sehr vielfältig sind. Details dazu hat er in der Joe Rogan Experience zum Besten gegeben. Leider findet man auf YouTube nur noch Ausschnitte, die aber gerade für Autoren durchaus sehenswert sind.

Palahniuks bekanntester Roman ist Fight Club, oder jedenfalls hat wohl so gut wie jeder den Film mit Edward Norton und Brad Pitt gesehen. Was viele bei diesem großen Erfolg sicher nicht gedacht hätten: Fight Club kam 1999 heraus und war tatsächlich Palahniuks erste Veröffentlichung! Trotzdem ist es an dieser Stelle meine Buchempfehlung, einfach weil man es – da es immerhin die Vorlage für einen Kultfilm gewesen ist – irgendwann mal gelesen haben sollte.

Neben Fight Club fand ich auch Die Kolonie wirklich gut, die, wie mir erst später auffiel, wahrscheinlich die Inspiration zu einem Ort in Gegenlicht geliefert hat.

John Niven

John Niven, der Autor von Kill your Friends (2008), darf auf dieser Liste nicht fehlen, auch wenn ich zugeben muss, dass ich mich mit ihm, abgesehen von diesem Werk, wenig beschäftigt habe.

In Kill your Friends geht es um den A-&-R-Manager einer Plattenfirma (“A & R” steht für “Artists and Repertoire”, scherzhaft auch “Ablehnen und Rücksenden” – das musikalische Pendant der Person, die im Verlag eure Manuskriptangebote mit generischen Absagen beantwortet (wenn überhaupt)). Angesichts beruflicher Misserfolge und unter Einfluss von Drogen verwandelt sich dieser in einen Serienkiller, der seine Kollegen und Konkurrenten aus dem Weg räumt. Erinnert ein wenig an American Psycho, oder? Der Roman wurde ebenfalls verfilmt ( und zwar 2015), was ich auch erst im Zuge meiner Recherche (lies: Gedächtnisauffrischung) herausgefunden habe.

Haruki Murakami

Wer Haruki Murakami nicht kennt, darf sich nicht als Bücherwurm oder Leseratte bezeichnen und hat wirklich etwas verpasst. Zu meiner Schande muss ich jedoch gestehen, dass auch ich erst sehr spät auf diesen Autor aufmerksam geworden bin (gemacht wurde) und dann noch einmal viel später das erste Buch gelesen habe.

Dieses Buch war Norwegian Wood, das ich an eurer Stelle unbedingt auf Englisch lesen würde. Das gilt eigentlich grundsätzlich für Murakami-Bücher; der Stil ist im Englischen einfach schöner. Ich bin da eigentlich nicht so ein Snob (jedenfalls gehöre ich nicht zu den Leuten, die meinen, man müsse englischsprachige Serien im Original gucken, weil die deutsche Synchronisation ja so furchtbar ist oder so viel verloren geht oder was auch immer), aber in diesem Fall finde ich den Unterschied deutlich wahrnehmbar. Die Story von Norwegian Wood ist im Grunde egal (und auch nicht so wahnsinnig spannend, ehrlich gesagt), in erster Linie geht es um die melancholische und nostalgische Atmosphäre. 

Um noch einmal ehrlich zu sein: Wahnsinnig provokant ist der Roman auch nicht, kein Vergleich mit Faldbakken und auch nicht mit Houellebecq; irgendwie passt Murakami meines Erachtens trotzdem in diese Riege. Ihr könnt mal kommentieren, ob ihr das ähnlich seht, und wenn ja, was aus eurer Sicht dafürspricht.

Marion Messina

Marion Messina ist zwei Jahre jünger als ich, schreibt aber wie Houellebecq. Das finde nicht nur ich, das ist im Großen und Ganzen ihr Image: eine weibliche Houellebecq. Sofern sich das nur auf die Literatur bezieht, denke ich, kann einer Autorin, die provozieren möchte, Schlimmeres nachgesagt werden.

In Messinas Debütroman Fehlstart geht es um einen ebensolchen. Die neunzehnjährige Aurélie – schöner Name – zieht mit großen Hoffnungen nach Paris, die nach und nach enttäuscht werden. Natürlich ist der Plot, ganz wie bei Houellebecq, nur der Hintergrund für zynische und scharfsinnige Gesellschaftskritik. Ich habe auf Instagram einige schlechte Kritiken gelesen, aber die solltet ihr nicht ernst nehmen: Wenn man zynische und scharfsinnige Gesellschaftskritik mag, gehört dieses Buch ins Regal.

Gerade jetzt, wo von Houellebecq allem Anschein nach zumindest kein Roman mehr zu erwarten ist, wollen wir hoffen, dass Marion Messina gerade erst losgelegt hat.

Virginie Despentes

Auch Virginie Despentes hatte ich lange Zeit überhaupt nicht auf dem Schirm, bis mir jemand auf Instagram den Tipp gegeben hat. Ich habe kurz gegoogelt, mir den Klappentext ihres größten literarischen Hits durchgelesen – und zugeschlagen.

Bisher habe ich nur den ersten Teil von Das Leben des Vernon Subutex gelesen, aber der war schon verdammt gut. Einige Elemente fand ich etwas merk- und fragwürdig, an anderen Stellen hat mich dieser Roman allerdings ziemlich mitgerissen. Ich muss endlich die verbleibenden Teile lesen, derer es noch zwei gibt.

Grob gesagt, geht es um einen Typen, der, eben noch Besitzer eines Plattenladens, auf der Straße landet, sich hier und da einquartiert und einige aberwitzige Abenteuer erlebt. Sicherlich näher an Faldbakken als an Houellebecq, was das Tempo betrifft, und wie beim norwegischen Skandalautor voller interessanter, oft auch etwas seltsamer Charaktere.

Patrick Wunsch

Ich erlaube mir an dieser Stelle, mich selbst in die Kategorie der provokanten Gegenwartsliteraten einzuordnen. Wer auf der Suche nach Romanen ist, die sich mit den bisher genannten mehr oder weniger vergleichen lassen, sollte sich meine ersten beiden Bücher – beide 2020 veröffentlicht – genauer ansehen.

In Zeichen von Herbst geht es um Vergänglichkeit. Die Geschichte um einen elitären Kreis, der sich im idyllischen Palais zusammenfindet, in dem es einem Menschen an nichts mangelt, zeigt auf tragische Weise die Habituation der menschlichen Psyche an selbst die angenehmsten Umstände.

Auch hier haben die Charaktere allesamt ihre Eigenarten und erinnern möglicherweise an Faldbakkens frühe Werke oder Virginie Despentes – zumindest sehe ich einige Überschneidungen –, der Schreibstil hingegen ist eher an klassische Literatur angelehnt und mischt die Provokation mit Poesie. Dazu passend spielen Kunst und Kreativität sowie die Rezeption von Kunst in “Zeichen von Herbst” eine wichtige Rolle.

Gegenlicht kann separat vom Debütroman gelesen werden, weist aber als Komplementärwerk einige thematische Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu ebenjenem auf. Die Sätze in diesem Roman sind kürzer, die Entwicklung der Geschichte und der Figuren verläuft schneller, den Dialogen wird mehr Raum gegeben, jedenfalls in der Vertikalen, denn die Beiträge sind pointierter.

Während Zeichen von Herbst zu zeitlosen philosophischen Themen tendiert – na, jedenfalls war das meine Intention –, sind es in Gegenlicht aktuelle politische Diskurse, die einiger der Figuren besonders beschäftigen. Trotz dieser Unterschiede liest man wohl, dass beide Romane mit der gleichen Feder geschrieben wurden (das heißt: mit der gleichen hervorragenden Cherry-Tastatur, die ich schon seit vielen Jahren verwende).

Fazit

Tipps für Freunde provokanter Gegenwartsliteratur gibt es, wie man sieht, durchaus. Dennoch fristet das Genre ein Nischendasein, was nicht sein sollte, denn was könnte interessanter und nützlicher sein als die schonungslose Wahrheit über die Welt, in der man lebt?

Ich hoffe sehr, dass ich mit diesem Artikel etwas Aufmerksamkeit für die unterbewerteten Werke von “Houellebecq und Co.” erzeugen kann und sich noch viel mehr Buchfreunde an diese vielleicht herausfordernden, aber wichtigen Romane wagen.

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Frage an euch: Was wären bei den genannten Autoren eure jeweiligen Favoriten gewesen? Habt ihr weitere Tipps für mich und andere, die auf der Suche nach guter Lektüre sind?

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