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Only the Questions: »Zeichen von Herbst«

Beitragsbild Zeichen von Herbst. Only the Questions

Mein Debütroman wirft viele Fragen auf. Ganz explizit diese hier. (Ein nicht ganz so ernst gemeinter Blogartikel, aber ich wollte euch diese Übersicht nicht vorenthalten.)

Kapitel 1

Aber konnte es nicht so etwas wie eine Abkürzung dorthin geben? War es das Höchste, in Ruhe ein Bier zu trinken? Was ist das Verrückteste, das du tun könntest? War dieser dumme Ring der Schlüssel? Doch was hatte gefehlt? Die richtige Gesellschaft? Annehmlichkeiten, die eine Hütte in den nordischen Wäldern nicht bieten konnte? Solche Momente der Ungezwungenheit, solche Momente abseits der starren Strukturen waren es, für die es sich überhaupt zu leben lohnte, oder nicht? Wofür sonst? Was bedeutete das anderen Menschen? Irgendetwas stimmte nicht, doch was konnte eine siebzehnjährige, leicht angetrunkene Schülerin tun, um einen Raben aufzuheitern? Die Ideen kamen und gingen in losen Formen, in Schemen und Schatten, waren nicht zu fassen, nicht zu untersuchen, nicht zu ergründen, und irgendetwas fehlte darin– nur was? Aske dachte darüber nach, und schließlich meinte sie, darauf gekommen zu sein: Es mochte angenehm sein herumzusitzen, den Wind auf dem Gesicht zu spüren, ein wenig betrunken zu werden, doch wo blieb das Abenteuer? Wo blieben Gefahren und Entdeckungen? Und worin könnte denn eigentlich, murmelte Aske, nachdem sie der Idee ein Stückchen gefolgt war, in dieser geordneten, gezähmten Welt noch ein wirkliches Abenteuer bestehen?

Kapitel 2

War daran nichts zu ändern, dass man solche Sehnsüchte in sich trug und sich davon beherrschen ließ? Von wem stammte das Zitat? Hemingway? Twain? Hatte er sich seitdem verändert? He, Miroir? Ist alles okay? Und welche Alternative blieb ihm denn, realistisch betrachtet? Hey, sag mal, Miroir: Wie sieht’s denn eigentlich aus mit dem Promo-Artwork? Gibt’s da schon ’n Outline? Über welches Artwork sprechen wir? Hat Fleur schon damit angefangen? Warum sollteste das tun? Hä? Was meinste denn damit? Was meinst du dazu? Was macht die Kunst? Was macht die Liebe? Wie kam man dazu, sich über Tätigkeiten zu identifizieren, die zum größten Teil von anderen vorgegeben wurden? Welches seiner Projekte würde er in den nächsten Tagen als Erstes angehen? Miroir bemühte sich nicht, den Besuch zu erklären– hätte er es denn gekonnt? Gefällt’s dir? Doch handelte es sich um einen einmaligen Ausrutscher seines alten Freundes oder um den ersten Schritt in eine neue Richtung? Wie könnte es auch? Wie viel mochte dem Alkohol geschuldet sein? Bestand Grund zur Sorge? Und du kannst dir doch sicher auch was Besseres vorstellen– zum Beispiel ein kühles Getränk? Mit etwas Groteskem im Gesicht, das ein Grinsen sein mochte, hielt er die Flaschen mit orangefarbenen, halb abgerissenen Etiketten hoch und sagte: Ich hab‘ dich echt gern hier im Studio, aber was hältste also davon, wenn wir jetzt einen trinken und du dann wieder verschwindest? Aber wie hätte ich es ihnen verständlich im Detail erklären sollen? Hast du was zu essen da? Aber halt dich ran, ja? Hab‘ ja noch ’n bisschen aufzuräumen hier, nicht wahr? Morgen? Dunkles ‚aar, schulterlang, und grüne Augen mit einem Funken Traurigkeit darin? Quoi? – Ja, glaubst du wirklisch? Wie war dein Tag, Chéri? Der letzte, ja? Liberté totale? Und außerdem: Was, wenn es nicht so kam? Wenn es sich am Ende als Fehler herausstellen würde, gekündigt zu haben, wenn er zurückkehren müsste, sich auf die Suche nach Arbeit begeben und andere Probleme lösen, statt sich seinen Werken widmen, statt nur einen Gedanken an die Kunst verschwenden zu können? Und was, schoss es ihm plötzlich in den Sinn, würde aus Fleur und ihm, wo sie in ihm zweifelsohne vor allem den Künstler sah? Ich verstehe, dass es Gefahren birgt, sagte sie, aber lass uns optimistisch sein, ja? Was darf es denn heute sein? Dir ist doch aufgefallen, dass gerade nebenbei ein paar Bands gespielt haben, oder? Wie würde jemand die Farbe nennen, der sich mit Farben auskannte? Miroir fragte sich, ob die Farbe ein Indikator sein mochte: Bestand beispielsweise eine statistische Korrelation zwischen der Präferenz für eine Rotnuance und der Zyklusphase? Freut ihr euch schon auf morgen? Warum auch nicht? Lasst uns den Abend zu unserem besten machen, ja?

Kapitel 3

Fleur versank darüber in Gedanken: Was genau war es eigentlich, das man am Bühnenauftritt schätzte? Die Gelegenheit, neue Musik zu präsentieren, Stolz als Künstlerin zu empfinden ob des Werkes, an dem man lange Zeit mit großen Mühen gearbeitet hatte? War es die Bestätigung, dass den Melodien und Strukturen etwas abzugewinnen war? Lechzte man nach Lob und Respekt oder lediglich nach der Gewissheit, es korrekt realisiert, ein Werk mit Wirkung auf die Seele geschaffen zu haben? Wer stand in wessen Schuld? War das Konzert ein Akt der Wohltätigkeit, ein Feldexperiment, Selbstbefriedigung? Wäre das Projekt vom gleichen Reiz gewesen, wenn nicht Miro solche Hoffnungen hineingesetzt hätte? Vor wie vielen Leuten spielen wir wohl? Hören wir keine Musik mehr? Soll ich nicht lieber gehen? Wir schaffen das, oder? Fangen wir schon mal an? Wisst ihr, worüber ich mir in letzter Zeit so meine Gedanken mache? Epochen der Menschheitsgeschichte lassen sich doch erst im Nachhinein vernünftig charakterisieren, stimmt’s? Und da frag‘ ich mich: Wie wäre wohl die Zeit, in der wir jetzt leben, zu beschreiben? Was ist da die Essenz, fragte er, der Zeitgeist? Musste es erstaunen, dass Edgar, kaum erwacht, in philosophische Betrachtungen verfiel, oder lag es gerade an der Schlaftrunkenheit? Wie kommt’s nur, dass alle zur gleichen Zeit auf die Idee verfallen, publikumswirksam Rücksicht nehmen zu müssen auf alles und jeden? Hast du je das Gefühl gehabt, dich für deine Existenz entschuldigen zu müssen, Miroir? Auch diesmal gesellte er sich, als alle Geräte verkabelt waren, zu Edgar und fragte: Wie stehst du eigentlich, was den Stil betrifft, zur deutschen Nachkriegslyrik? Sicherlich fragst du, weil du annimmst, dass so ein unverhohlener, hässlicher Typ wie ich auch eine solche Literatur zu schätzen weiß, oder? Wirklich? Warum fragste überhaupt? Meinst du nicht, es wäre ein interessanter Kontrast? Hast du nicht mehr alle Tassen im Schrank? Emanzipation endet da, wo’s unbequem wird, was, Ventada?

Kapitel 4

War es notwendig, dass man andere Schlagzeuger derart entmutigte? Wie sollte das möglich sein? Wie sollte man abseits der Welt auch nur eine akkurate Aussage über die Welt zustande bringen, geschweige denn ein bedeutungsvolles Kunstwerk? Und dennoch, hatte er nicht die Erwartungen, die an ihn gestellt wurden, in einem solchen Maße übererfüllt, indem er die plötzliche Unfähigkeit überspielte, die Hingabe zu kanalisieren, dass ihm die Akkolade zustand? Machte es ihn nicht zu einem besseren Künstler? Oder machte es ihn vielmehr zu einem Schwindler, der das Dargebotene gar nicht aufrichtig gefühlt hatte? War das eine Improvisation? Und weiter? Soll sich ja auch lohnen, ’nem Künstler ’n Kompliment zu machen, was? Kann man dir beim Tragen helfen? Aber wie dem auch sei, lass uns ’n Bier trinken, okay? Habt ihr denn vor, den aktuellen Stil beizubehalten? Verstehst du, was ich meine? Aber wahrscheinlich wollt ihr euren Wahnsinnserfolg nicht aufs Spiel setzen, oder? Was fällt euch ein, begann sie, ein wenig lallend, so über die Band zu sprechen, die euch diesen Abend ermöglicht hat? Was meint ihr, wie ich euch einschätze? Mal ehrlich: Kann jemand, der nach Musik mit einer Wirkung sucht, Gefallen an euren erbärmlichen Popsongs finden? – Na? Einer der Einfaltspinsel setzte zum Sprechen an, doch Aske erhob die Stimme: Und wenn du mir erzählen willst, spie sie ihm ins Gesicht, dass eure Intention eine ganz andere sei, warum kamt ihr dann überhaupt hierher? Warum raubt ihr jemandem wie mir die Zeit? Selbst er hatte die Musik der Vorband für zumindest akzeptabel befunden; war er zu nachsichtig gewesen, weil es Ventada war, die diese Wahl getroffen hatte? Besonders betrunken wirkte sie nicht; wie sonst aber sollte das fragile Geschöpf den Mut aufgebracht haben, den Ignoranten in einer Deutlichkeit die Meinung zu sagen, die selbst Edgar die Sprache verschlagen hatte? Und Fleur? Und Fleur was? Na, nimmt sie die Malerei ernst? Grenzte nicht auch das an Arroganz? Oder stellte es lediglich die adäquate Selbsteinschätzung dar? Waren nicht viele der größten Künstler zeitlebens unverstanden und ungeliebt geblieben? Musst du wirklich schon los? Was bitte war die Kleine? Wovon, verflucht noch mal, faselt ihr denn da?!

Kapitel 5

Aber wie sollte man es verhindern, selbst die größten Versager liebzugewinnen, wenn man von ihnen verehrt wurde? Sollte sie es ihr gleichtun? Wie viel Euphorie war sie zu offenbaren bereit? Und gab es nicht irgendetwas zu sagen, für das sich jetzt– und nur jetzt– die richtige Gelegenheit bot? Ziemlich nette Bude, was? Wie immer, was? Also, was sagst du? Nur, warum bist du umgezogen? Du hast also die Flucht ergriffen? Bedroht, wirklich? Wie genau? Solche Geschichten funktionieren meistens, oder? Wie sieht’s mit dir aus? So früh? Wie wär’s denn hiermit? Gab es neue Geheimtipps? Warum nicht heute? Stimmt was nicht? So wie früher? Hast du denn gar nicht das Gefühl, fuhr Aske unbeirrt fort, dass wir hier unsere Zeit verschwenden? Spuren vergangener Abende, an denen Kaori durchaus nicht ihre Zeit verschwendet hatte– oder doch? Einen hatte sie den Künstler genannt; wie könnte man jemanden wie den vergessen? Ist alles in Ordnung? Aber was sollte sie tun? Ob der Schönling ahnte, dass Kaori seinetwegen missmutig war? Ist das wirklich dein Ernst? Warum nicht? Hast du dich denn endlich wieder ’n bisschen vögeln lassen? Hast du’s wenigstens versucht? Was für einer war’s denn? Aber irgendwas ist anders mit ihm, you know? Wie spät mochte es sein? Erst die Party, dann das Drama, okay? Das war es also, was man über sie sagte? Für einen Moment geriet sie ins Wanken, auch bildlich gesprochen, doch sie fing sich wieder: Wer war dieser Mensch denn überhaupt? Was sollte es sie kümmern, was er von sich gab? Wer wäre sie, dass sie damit nicht hätte umgehen können? Your girlfriend, huh? You’re in some kind of open relationship then? So, um, you mean, she’s okay with your… having some fun over here from time to time? Well, I can’t know for sure, right? But how would she get scent of it? Wenn er spielen wollte, warum nicht spielen? Entspann dich ein bisschen, okay? Got it? Was sonst? Hätte ein Mann in irgendetwas nicht eingewilligt, als sie den Reißverschluss öffnete und die Hose mitsamt Höschen hinunterstreifte? Zu ihrem Glück unternahm der Freund keinen Versuch, mit Gewalt einzudringen– was hätte es ihm genützt? What’s up? Warum? Warum denn, Kaori? Was geht hier denn vor sich? Könntest du versuchen, die Party aufzulösen? An einem Abend wie diesem war grundsätzlich alles möglich, doch war ein solches Drama nicht zu vermeiden gewesen? War es Reue, die sie verspürte? War sie nicht ein Mädchen von außerordentlicher Attraktivität? Wann hatte sie es zuletzt aus echter Lust gewollt, und nicht aus Eitelkeit oder Ehrgeiz? Wie lange hatte sie aus bloßer Gewohnheit mit Männern geschlafen? Weil es so einfach war, sie zu verführen, so einfach, sich ihrer Fantasie und ihres Körpers zu bemächtigen– wenn auch nur für einen Moment? Und überhaupt: Wie sollte denn ihre Hingabe nach allem, wozu sie sich hatte hinreißen lassen, noch irgendeinen Wert haben? Hallo? Was gibt’s denn? Aske? Ja? Ich habe mich das nie zuvor gefragt, aber wie hältst du es eigentlich mit mir aus? Wir beide funktionieren wunderbar zusammen, meinst du nicht? Aske? Ja? Na, wie klingt das für dich? Aske lachte– oder weinte sie? Kaori? Ja? Also dann, lass uns auflegen, ja? War es nicht Zeit, die gewohnte Umgebung und die gewohnten Muster hinter sich zu lassen? Die oberflächlichen Kontakte? War es nicht Zeit, zu lernen, wie man sich zurücknahm, Zeit für einen Neubeginn– wie auch immer, wo auch immer, doch möglichst bald?

Kapitel 6

Was anderes? – Wirklich nicht? Würdest du mir vielleicht beim Tragen helfen? Ach ja? Störe ich? Was machst du gerade? Hey, sagte Edgar, trinkst du etwa ohne mich? Also gut: Was hast du an? Und Edgar sagte: Pass auf dich auf, okay? Meinst du, sie kommt noch? Sie waren gemeinsam hergekommen– für andere nicht ungleich eines Pärchens–, und deshalb hatte sie seine Aufmerksamkeit verdient, oder etwa nicht? Warum nicht? Die Stille wog immer schwerer, oder war es das Gewicht der vergeudeten Zeit, das Niv auf sich lasten glaubte? Und welches Recht hatte gerade sie auf Eifersucht? Wird hier etwa Zeit verschwendet? Gäbe Niv sich wie diese Mädchen, würde man auch sie umgarnen? Gemessen an der Anzahl der Ex-Freundinnen bestand kein Zweifel an ihrer Anziehungskraft; was aber, wenn sie sich zum größten Teil in ihrer Verwegenheit und Unverblümtheit begründete? War sie je unvermittelt angesprochen worden, oder war es immer an ihr gewesen, den ersten Schritt zu tun? Was sollte man im Postrockcafé– in irgendeiner Kneipe, in irgendeiner Gesellschaft–, wenn man nicht trank? Nahm sie sich das alles zu sehr zu Herzen? Wie sollte da Aske ins Bild passen? Wäre es nicht absolut unvermeidlich, dass die geradezu familiäre Konstellation gestört würde durch die fremde Person, erschüttert, dass sie in völlige Unordnung geriet? Ein Geschenk? Wie kann Ungeduld nur etwas sein, für das man gescholten wird? Hast du einen festen Freund? Wie heißt du, Mädchen? Jewe? Sie war eine starke junge Frau, oder etwa nicht? Welches Recht hatte sie, einzuschreiten? Denn gab es nicht die Liebe in vielerlei Form, und warum sollte nicht, was Niv empfand, von gleichem Wert sein wie das, was Fleur empfand oder, vielleicht bald, Aske? Ihr Kopf ruhte auf seiner Schulter, als sie die lausigste Frage stellte, die man Miro stellen konnte: Was machst du eigentlich so? Als da wären? Warum sollte Miro einem solchen Mädchen das Geheimnis verraten? Gab er sich mit weniger zufrieden als Niv, oder war er tatsächlich aufrichtig davon überzeugt, dass Arachnes Algorithmen das korrekte Ergebnis geliefert hatten? Bist du sicher? Es brauchte noch eine Weile, ehe die scharfsinnige, mal unverfrorene und mal schüchterne Art, die Substanz der Rechtfertigungen, die nicht zu den jungen Augen passte, und das tiefe, wenn auch wenig beeindruckende Dekolleté unter der Lederjacke, das Miro offenbar dennoch um den Verstand brachte– denn wie sonst hätte sich erklärt, wie ungeschickt er sich mit den Worten anstellte? Wozu habt ihr mich das alles gefragt? Ihr habt einen Crawler mit Matchingfunktion verwendet? Ist das rechtlich überhaupt erlaubt? Wer ist denn eigentlich dieser Richard? Die …? Natürlich nicht; wer tat das schon? Die Maschine ist zu dem Ergebnis gekommen, dass du Miros ähnlich bist, und wer sind wir, das in Frage zu stellen? Kannst du versprechen, das Geheimnis zu bewahren? Aber solltest du das nicht schon wissen? Na schön, fuhr sie fort, ich verstehe, dass ihr nicht alles im Detail erklären könnt– oder wollt? Ich würde das Leben, das ich jetzt führe, aufgeben müssen, oder etwa nicht? Bin ich bereit diesen Schritt zu tun? Ich weiß nicht, weshalb ich das noch nie gefragt habe, begann Niv mit ruhiger Stimme, aber was hält eigentlich Fleur von der Idee? Macht sie sich überhaupt keine Sorgen?

Kapitel 7

Und was genau, fragte der Lehrer, mit den Händen auf das alte Holzpult gestützt, bedeutet der Begriff Isomorphismus? Tja, was denn nun, bi oder homo? Sag mal, zischte der Junge, was soll das bitte heißen?! Hast du eigentlich dieses Gerücht gehört? Tja, welches? Du kennst doch dieses Anwesen jenseits des Sees, mit den ganzen Laternen entlang des Ufers? Von Bequemlichkeit konnte keine Rede sein; das Polster des Sitzes war dünn und erfüllte kaum seinen Zweck– sofern in Bequemlichkeit der Zweck bestand–, doch was sollte man tun? Wie es hinter den Hecken und Farnen wohl aussehen mochte? Wie spät ist es? Lust auf eine Partie? Ob sie wirklich ein Gefühl von Abenteuer gefunden hatte? Das Herumsitzen, das Romanelesen und Albenhören in der Waldhütte– vielleicht mit gelegentlichen Gesprächen über das Wetter und über Philosophisches–, das war es doch, worin die beiden die Erfüllung zu finden schienen, oder etwa nicht? Kennengelernt? Ein Pärchen? Sie nannten mich eine Auserwählte, kannst du das glauben? Das klingt ja doch ein bisschenhochtrabend, meinst du nicht? Eine geheime Sache? Die Wahrscheinlichkeit schien gering– tja, aber wer weiß? Sollte man nun bereits Vorkehrungen treffen? Oder hatte sie das längst? Würde sie in dieser Partie das gleiche Schicksal ereilen? Nur, wie gelang es am sichersten? Sollte sie eine andere Figur angreifen? War es an der Zeit, den Turm zu entwickeln? Nützte es irgendetwas, den Bauern zu schlagen, der auf Abwege geraten war?

Kapitel 8

Ob es nicht vielmehr daran lag, dass sie es nicht übers Herz brachte, sich endgültig von ihm zu trennen? Ihn, wenn sie ihn auch nicht wegwerfen wollte, zu verschenken– an Kaori? An Em? Ihn nicht abzulegen, die schmerzliche Erinnerung am Körper zu tragen, zeugte das nicht von Tapferkeit, von Zähigkeit? Von langem Atem? Sag mal, Aske, fragte sie stattdessen im Versuch, das Thema auf etwas Angenehmeres zu lenken, wie spät ist es? Aber ob ich es drauf ankommen lassen werde? Widerspräche das nicht dem Konzept der Veranstaltung? Liegt das nur an mir oder hat das allgemeine Gültigkeit? Wer hat die denn eingeladen? Wer ist das denn? Und was noch? Aber wurden sie denn nie erwischt? Und wenn es, zumal der Alkohol es sogar wahrscheinlich machte, zu einem Handgemenge käme? Wäre Aske in der Lage, sich zu verteidigen, falls die Aufmerksamkeit auf sie fiele? Mit einer Glasflasche? Einem spitzen Stock? Wie sollte die rechte Stimmung sich einstellen, wenn Kaori kaum einmal die Diskussion über kontroverse Themen anstieß, einen anzüglichen Scherz von sich gab, eine denunzierende Bemerkung? Und obwohl man sah, wie viel Mühe es sie kostete, sich zusammenzunehmen, gelang es ihr doch mit erstaunlicher Kontinuität– nur, wozu das, ausgerechnet jetzt? Die Wirkung des ungewöhnlichen Erlebnisses stieg, glaubte sie, exponentiell mit der Dauer, manifestierte sich in einer Entwicklung des Charakters und des Lebens, in einem Aufbrechen von Grenzen und einem Aufflammen von– was? Magie? War es das Höchste, in lachender Gesellschaft ein Bier zu trinken? Was ist das Verrückteste, das du tun könntest? Konnte nicht der Abend nur im Aufbruch zum Palais noch eine interessante Wendung nehmen? Hatten nicht die Gespräche längst an Eifer verloren; war nicht absehbar, dass die Geselligkeit auf der Lichtung bald ihren Ausklang finden würde? Aske brauchte mehr als das– oder etwas anderes? Den Mut zum Aufbruch hatte sie und die Stimmung ebenso; was war noch notwendig, dass sie endlich die Entscheidung dazu traf? Auf welche Art von Anstoß wartete sie noch? Von außen konnte sie keinen erwarten– denn wie sollte das möglich sein? Was ist das? Was bedeuten schon Schwüre, fragte Kaori, heutzutage? Du darfst mich also nicht einweihen, aber mich dahin mitzunehmen, ist okay? Wenn nicht die tiefste Freundschaft über allem steht, was dann? Was macht ihr denn hier? Du … packst? Wohin soll denn die Reise gehen? Aber ich schreibe dir, ja? Wie lange werden wir da wohl sein? Das kommt drauf an, nicht wahr? Länger, ach ja? Was kümmerte es Kaori, wer wen vermissen würde? Aber was soll ich tun? Nicht wahr? So spät schon? Hast du ’ne Ersatzzahnbürste? Du willst meine Sachen anziehen? Bist du sicher? Wie hatte sie überhaupt daran zweifeln können, dass dieses Projekt die wunderbarste Möglichkeit zum Abenteuer darstellte, nicht verstehen können, worin der Reiz bestand, ihr Leben auf solche Weise in Unruhe zu versetzen? Wonach sie sich gesehnt, ja verzehrt hatte– oder etwa nicht? Ist das ein Problem? Oder lag es an Askes Anwesenheit, daran, dass sie dem Ruf ins Palais tatsächlich gefolgt war? Wirklich? Wie hätte sie umhinkommen sollen, im Verlauf ihrer Reflexion den Efeuring ein weiteres Mal zu betrachten? Dieses Geschenk von jemandem, der Miroir nicht unähnlich gewesen war? Du willst ihm das glauben, oder nicht? So? Zwischen beste Freundinnen darf sich niemand stellen, oder? Ich glaube, nur mit ihr kann ich so sein, wie ich eben bin, und darum geht es doch? Ach, ist da so? Aske ahnte, dass sie es ein wenig übertrieben hatte, doch was hätte sie sonst erwidern können? Das ist wohl keine besonders schwierige Entscheidung, was, mein Lieber? Irgendwas? Wie sollte sie auch einschlafen können? War sie bereit dafür? Oder hatte sie sich nur in ihrem Rausch und der Langeweile des Abends, in den sie all ihre Hoffnungen gesetzt hatte, zu einer dummen Entscheidung hinreißen lassen, die sie bald bereuen würde? Wie könnte ich es bereuen, Zeit mit diesen Menschen zu verbringen? Ist das nicht das Gleiche? Das Gegenteil von mir, findest du nicht? Welchen Sinn solle es sonst haben? Was die wohl träumte?

Kapitel 9

Edgar schätzte sie auf zwölf bis vierzehn Jahre, doch genauso gut mochte sie sechzehn sein; wer konnte das noch beurteilen? So was wird euch inner Schule wohl nicht beigebracht?! Findest du nicht? Ein Neutronensternproblem, ja? Neutronensternproblem …? Ist das gut oder schlecht? Wie sieht die Lösung aus, die dein Bruder ersonnen hat? Meinste nicht auch? Du weißt nicht so recht? Warum, begann Emilia langsam, ist es so, dass du…? Dass ich mich am frühen Morgen so volllaufen lasse? Und welcher ist der beste? Wer sonst würde es auch wagen? Dich verbannt? Wie das? Mein Bruder hat dieses verrückte Projekt, das er für die Lösung für’s…– Wie war das eben? Seh‘ ich etwa aus wie ’ne Gefahr für den Erfolg? Ich weiß, wenn ich’s recht bedenke, nicht, wie ich die Situation empfinde: Ist das jetzt Zorn oder Eifersucht? Wenn ich einen falschen Weg gegangen wäre, wie könnte ich hier sitzen und mich so wohlfühlen? Verflucht noch mal, sagte er mit der Stimme eines todgeweihten Kriegers, wieso nur kann niemand zulassen, dass ich mich diesem schönen Trug hingebe? Meinst du nicht, du solltest zurückkehren und die Angelegenheit klären? Keine Ahnung, wie sich das Projekt bisher entwickelt haben mag– es könnte alles mögliche geschehen sein– oder was mich da erwartet, aber wie sonst könnte ich irgendwas ändern? Du meinst, du wärst gern Teil des Projekts? Wäre es denn möglich, teilzunehmen am Projekt? Besteht eine Chance, dass ich Richards Kriterien entspreche? Biste dir denn sicher, dass du das willst? Brächte er eine vielversprechende Kandidatin wie sie zum Palais– ein vernünftiger Vorwand, dort überhaupt aufzutauchen–, vielleicht wäre Richard in einem Anflug von Dankbarkeit seinem Bruder zu vergeben bereit? W-was führt Euch hierher? Würdest du ihm Bescheid geben, dass ich hier mit der Schwester der Auserwählten auf ihn warte? Master Edgar, ja? Oder gelesen? Warum bist du zurückgekehrt? Die junge Morgenroth, sagte er, Edgar zugewandt, wie kann das sein? Es war bloßer Zufall, ehrlich; man trifft ja alle möglichen Leute im Park, oder? Und dann? Du wusstest also nicht, wer sie ist? So was haste doch gesucht, dachte ich? Außergewöhnlich, sagst du? Wie konntet ihr die Kleine denn nicht einweihen, ihr Armleuchter? Zu jung, um ein richtiges Leben zu führen? Dieser Überzeugung bist du also allen Ernstes, ja? Aber hast du denn keine Schule, sag mal? Und warum auch nicht? Was sprach dagegen? Doch was ist mit dir?

Kapitel 10

War es auszuschließen? Was aber konnte sie tun, wie sollte sie sich des Eifers erwehren? Vielleicht mochte ihr diese Freude heute mehr als einmal zuteilwerden? N’est-ce pas? Auf dem Tisch stand eine große Platte Fleisch– war das Lammfilet? Miroir wollte gerade nach dir sehen; stimmt doch, Miroir? Würde sich das Charisma für den entfalten, der gründlich danach suchte, wie sich ein Meisterwerk der Malerei, wie sich eine komplexe Komposition erst in der kontinuierlichen Beschäftigung erschließt und man die detailverliebte Perfektion von Technik und Farbe, von Struktur und Inhalt erst nach und nach zu schätzen lernt? Wer hat Lust auf einen kleinen Spaziergang durch meine bescheidenen Räumlichkeiten? Das Palais ermöglicht also, fragte Kaori, so eine Art alternativen Lebensstil? Labyrinthe? Einem Reiz zu widerstehen, lag darin nicht eigentlich die Essenz desselben? Stellte sich Richard vor, dass Lielle eines Tages ein Konzert spielen würden vor Kaori, Aske und Emilia– und mit ihm hinter dem Schlagzeug? Bestand nicht, so überlegte Fleur weiter, die Möglichkeit, dass sich unter den Maiden die eine oder andere talentierte Instrumentalistin befand, die ihr Können eines Abends zur Schau stellen sollte? Oder existierte der Saal zu Richards eigenem Nutzen, der Saal und das Schlagzeug darin, eine beeindruckende Gerätschaft auf einem stabilen Rack, mit Kesselholz von mattem Anthrazit, schwarzen Fellen, die wie Spiegel glänzten, und einer umfangreichen Ausstattung silberfarbener Becken? Doch lasst uns zunächst in den Salon zurückkehren, einverstanden? Wenn es noch freie Räume gibt, fragte Kaori, warum erhalten nicht weitere Menschen die Möglichkeit, teilzunehmen? Seht ihr, Glück ist, im Jetzt zu leben, nicht wahr? Aber wie, fragte ich mich, konnte man Disharmonie weitestgehend ausschließen? Was gab es noch mit Aske zu teilen? Oder mag es vielleicht ein Kater sein? Wegen der Schnurrbarthaare, nehme ich an? Ob du überhaupt begreifst, was du hier zuwege gebracht hast? Ob du überhaupt irgendeinen Stolz darüber empfindest? All diese Bücher, dachte Fleur, wie soll ich nur am Projekt teilnehmen, wenn ich doch jede Minute hier verbringen möchte? Dürfte sie eine Auszeit vom glücklichen Leben nehmen, um sich einige Tage lang– wenigstens einen– hier einzuschließen und nur zu lesen? Die Details der Umschläge anzusehen, den Duft des alten Papiers zu riechen und Stapel von Klassikern und Seltenheiten zusammenzustellen? War dies etwas, das man ruhigen Gewissens fragen konnte, oder würde man damit nur für Gelächter sorgen, für Kopfschütteln? War es nicht, selbst wenn es exzentrisch wirken mochte, einen Versuch wert? Er sah sie gern mit Begeisterung in den Augen, wenn es um Bücher ging; wie hätte er als Schriftsteller diesem Faible auch anders begegnen können? Woher kam sie überhaupt, diese seltsame Eifersucht, die jeden natürlichen Vorbehalt, den man– wie auch Fleur es tat– hegen mochte, bei Weitem überstieg? Aber ist die Führung denn wirklich vorbei? Ich denke, du hast noch was vergessen: Die oberen Etagen des Turms, was gibt’s da zu sehen? Ein herrliches Anwesen mit einem gewissen Versprechen von Abenteuer, so hast du dich ausgedrückt, oder? Was mochte es sein, das Richard zu besprechen hatte? Etwas Ernstes? Hatte sie einen Fehler begangen, um den sie nicht wusste? Nur, was dann? Wozu bat der Maestro zu sich? Die Nachzügler, setzte er hinzu, Emilia und Kaori, fügen sich gut ein, meinst du nicht auch? Ob Richard glücklich mit seinem Leben war? Er hatte so gewirkt, als er das Palais präsentierte, sie durch die Räumlichkeiten führte, doch welches Glück konnte dieser Mann empfinden, dem bereits zu viel in die Wiege gelegt worden war? Und die Anzahl Menschen? Keine Überraschungen? Und des Glücks, oder etwa nicht? Und wie finden wir solche Menschen? Ich habe sie wirklich geliebt, weißt du? Wie würde ich mich je mit weniger zufriedengeben können als mit dem, was ich in ihr gefunden hatte? Und deshalb, fuhr er fort, scheint es mir naheliegend, ihn zu meinem Stellvertreter zu erklären, während ich fort bin.– Erkenne ich da Skepsis in deinem Blick? Denkst du wirklich? Du glaubst, ich wäre geeigneter? Die Maestra werden, was gab es da zu zögern?

Kapitel 11

Doch wie sollte man ahnen, dass Kaori ein kompliziertes, sensibles Mädchen war, wenn sie, aufreizend gekleidet und in Gesellschaft meist angetrunken, so einfach gestrickt schien? Ja, war das nicht ein absurdes Leben gewesen, in dem sie Objekt war, sich als gezierte Puppe in die Schaufenster gesetzt und sich wie eine Prinzessin hinter Glas gefühlt hatte? Im Palais, dachte Kaori mit dem seligsten Lächeln auf den Lippen, besaß sie da nicht den Reichtum, auf den es ankam, im Überfluss? Was hieltet Ihr wohl davon, begann die Maid von Neuem, wenn ich anstelle der Schale mit den Süßigkeiten einen Korb voll frischen Obstes herbeibrächte, mit Äpfeln und Birnen und Orangen, mit Weintrauben, Pflaumen, Bananen und Pfirsichen? Darf es außerdem noch etwas sein? Nach dem Rechten sehen, Milady? Bei euch Tribaden darf’s sowieso gern ein bisschen mehr sein, oder nicht? Selbst wenn, was interessiert’s mich? Sollte sie etwas Freundliches sagen? Und wozu sollte ich mich auch drauf einlassen? Mir als Mann kann’s scheißegal sein, wie viel Ventada auf die Waage bringt, oder? Doch was sollte das, solche Gefühle in sich aufkommen zu lassen? Ach ja? Warum bleibst du nicht ein Weilchen bei uns? Ein klarer Duft von Reinheit– Lavendel, nicht? Und dann? Cadence? Nummerieren? Mit Buchstaben? Hast du je dran gedacht, aufzuhören? Meinst du? Okay, hör zu, sagte Edgar nach einem Moment, warum tun wir nicht zum Ausgleich zu dieser Zigarette was Schönes und Nützliches? Wartet alle ’n Moment, okay? Was hab‘ ich mitgebracht? Kennt ihr diesen Wälzer? Aber nee, das ist jetzt eigentlich nicht das Richtige, oder? Doch ich muss, sage ich zu mir selbst, denn wenn es auch mir nicht gelingt, das Königreich zu schützen, wem dann? Ach ja? Bitte, würdest du weiterlesen? Wann hatte Kaori zuletzt einen Zopf geflochten? Mochte es ein Fehler gewesen sein, das Gespräch anzustoßen, wenn es auch– ob mit Emilia oder jemand anders– unausweichlich war? Verantwortung? Für mich? Was habe ich schon beizutragen? Du bist vielleicht keine Künstlerin und interessierst dich kaum für die klassischen Kunstformen, aber geht es hier nicht um mehr als das? Ich mag die beste Freundin der Auserwählten sein, und dieser Raum mag zeigen, dass im Palais auch Computer- und Videospiele, die ja durchaus meine Leidenschaft sind, wie es die Musik, die Literatur und die Malerei für die anderen ist, als Kunstform anerkannt werden– aber meinst du wirklich, jemand wie Miroir freut sich über meine Anwesenheit? Oder Edgar? Was ist mit Fleur? Niéve? Aber was, fragte Kaori, wenn ich glaube, dass gerade darin mein Sinn besteht? Eine nützliche Rolle einzunehmen? Eine Maid werden? Könnte denn das nicht vielleicht die Lösung sein? So wie …– na, Reinkarnation, verstehst du?

Kapitel 12

An was sollte sie denken, was unternehmen, um die Zeit langsamer verstreichen zu lassen? Welche Art von Beschäftigung konnte dem Zauber dieser Minuten zu einem Anstrich von Ewigkeit verhelfen? Wie mochte es ihr gelingen, sich vom Kosmos die eine oder andere zusätzliche Sekunde zu ergaunern, wenn auch nur zum Schein? Ach, war sie auch nichts weiter als eine junge Frau von fünfundzwanzig Jahren inmitten eines großen Sees auf einem so viel größeren Planeten, der um seine gewaltige Sonne kreiste in einem unvorstellbaren Universum: Hatte Iris es nicht verdient– ob mit der bloßen, auf wie vielen Unwahrscheinlichkeiten beruhenden Existenz oder mit dem Leben, das sie, an den gesellschaftlichen Maßstäben der Gegenwart gemessen, tugendhaft, aufopferungsvoll geführt hatte–, nur eine oder zwei Sekunden länger in dieser Stille verweilen zu dürfen? Geld konnte man ausgeben, wann man wollte; wieso konnte es mit der Zeit nicht genauso sein? Wirklich? Ich muss sagen, das war eine überaus pläsierliche Passage, Monsieur…? Wie sprecht ihr euch untereinander an? Und wenn es einmal doch notwendig ist? Wünscht Ihr wirklich kein weiteres Geleit? Erst kürzlich bekannt? Und? , fragte sie in der Hoffnung, falsch zu liegen, wie gefällt es dir? Nachdem Kaori mit ihrem Joint nun also nicht den besten Eindruck auf Iris hinterlassen hatte, geschah es aber, dass diese innehielt: Wer war sie denn eigentlich, herzukommen und diejenigen, die ihr Bruder für sein geheimnisumwittertes Projekt auserkoren hatte, so schnell zu verurteilen? Und war es nicht zuweilen durchaus vernünftig, unvernünftig zu sein? Willst du? Natürlich wollte Iris nicht– oder doch? Andererseits, war es nicht, einmal nüchtern betrachtet, schlicht der Umgang mit Zeit, der das Mädchen mit dem Joint von dem Mädchen ohne unterschied? Aber warum denn eigentlich? Waren nicht Qualität und Quantität gleichwertige Dimensionen der Zeit und des Glücks? War nicht die gelegentliche Caprice ebenso vernünftig wie die eiserne Disziplin? Es war ein schöner und bedeutungsvoller Tag; warum nicht etwas Verrücktes wagen, nur dieses eine Mal? Iris, du? Was verschafft mir die Ehre, Schwesterherz? Wie lange war es her? Zweieinhalb Jahre? Vielleicht drei? Ich hoffe, du bleibst ein Weilchen? Führst du mich herum? Nicht an der frischen Luft? Ich habe schwer geübt in den letzten Wochen, weil ich in so einer komischen künstlerischen Stimmung war, weißt du? Mein Name ist Iris, sagte ebendiese, die Hand ausgestreckt, Richards und Edgars Schwester.– Du schaust so skeptisch drein? Wie gefällt dir das Projekt? Lady Sauvage? Und das kann ich dir glauben? Solltet ihr nicht schon mit den Vorbereitungen begonnen haben? Tatsächlich? Wer von uns, frage ich dich, verlangt romantische Aufopferung, und wer hat deine, Miroirs oder Richards Wünsche, sofern sie der jeweiligen Beziehung auch angemessen waren, zurückgewiesen? Was meinst du? Es ist doch wirklich nicht so schwer zu verstehen: Analog zum Befruchtungsszenario auf mikroskopischer Ebene, wird jede Frau von einer Vielzahl von Verehrern umgarnt– die sich dabei, wie gesagt, zum Idioten machen–, und so wie es in ihrer Natur liegt, zumeist abzulehnen, muss es aufgrund der geringen Chancen auf ’nen Treffer in der männlichen Natur liegen, jede halbwegs fickbare Frau anzubaggern, oder etwa nicht?! Kein Licht war eingeschaltet– wohl um der Atmosphäre willen? Aber wäre das wirklich eine gute Idee? Was aber mag denn der Sinn schöner Erlebnisse sein, fragte Iris in die Runde, wenn man sie doch bloß voller Melancholie zurücksehnt?

Kapitel 13

Was bedeutet schon Unschuld? Was, wenn auch sie sich entblößt hätte? Wenn sie vielleicht splitternackt wäre? Welche Gedanken sollten den anderen, die längst ihre Freunde waren, schon in den Sinn kommen? Wie unwahrscheinlich hätte es noch gewesen sein können? War sie es nicht dem Schicksal schuldig, zu bleiben, so lange es möglich war– wenn es auch nicht in ihrer Hand lag, wie sich dies alles entwickeln würde? Ach, was kümmerte es Emilia, ob noch darüber gelacht wurde? Der Künstler und die Jungfrau, dachte Emilia, war das nicht eine klassische Kombination? Oder genoss Miroir das Schweigen vielleicht, mehr, als Emilia es tat? Nichts dergleichen geschah, und so stellte Emilia schließlich, als sie neben Miroir auf der moosbedeckten Treppe Platz nahm, die erste Frage, die ihr in den Sinn kam: Schreibst du eigentlich? Du bist ein Künstler, und Künstler haben immer etwas zu sagen, nicht wahr? Du kannst dir sicher vorstellen, dass es ein Albtraum war, wenn man mich fragte: ›Und um was geht’s in deinem Buch? Du würdest es doch niemandem verraten, wenn der Entwurf des nächsten Werks beinahe fertiggestellt wäre? Vielleicht solltest du nicht im Geheimen dran arbeiten? Alles richtig zu machen, ist das Gegenteil von Kunst, nicht? Aber hat das nicht jeder? Na? Ein Schweigen versuchte, sich Raum zu verschaffen, bis Emilia freiheraus fragte: Wann werdet ihr heiraten? Heiraten? Ihr seid verlobt, oder hast du dich da vertan? Der Begriff der Ehe weckt Assoziationen von erkalteter Glut, findest du nicht? Ewige Treue, tatsächlich? War’s denn nichts wert gewesen, dieses schöne, lange Gespräch beim Spaziergang in der Abenddämmerung? Ob dies die Methode war, die auch Fleur anwandte? Oder genügten bei ihr die natürlichen Wesenszüge? Dich beachtet er auch nicht, hm? Wie meinst du das? Im Schutz der Dunkelheit und unter einem warmen Schauer können Küsse recht schnell, na, wie soll ich sagen? Sie hatte sich Emilia zugewandt, sich zu ihr hingebeugt; Fleurs Finger schwebten für einen Moment über Emilias Taille, von der Sitzhaltung einige Zentimeter hoch entblößt– kaum vorstellbar, dass es ein Zögern war, doch was sonst? Lass dir ruhig Zeit damit, hörst du? Wirklich, wer konnte das sagen? Warum siehst du die Dinge denn eigentlich so? Ist es dir denn egal? Nicht nur für uns beide, sondern auch nach außen hin, verstehst du? Was denn? Habe ich was Falsches gesagt? Ihre Stimme war ruhig, und warum auch nicht? Ohne die ganze Dramatik ist es nur halb so interessant, hm? Oh, was für eine wundervolle Nacht, oder? Darf ich sie dir entführen? Weißt du noch, letztes Jahr? Nachts im Freibad? Wusstest du, dass zwei Drittel aller Badegäste ins Wasser pissen? So? Störe ich vielleicht? Findest du? Geheimnisse geben dem Leben eine gewisse Würze, meint ihr nicht? Wie dem auch sei, sagte sie dennoch, wie um Emilia zu erlösen, habt ihr Lust auf eine Geschichte? Also, was meint ihr? Würdet ihr mir eine Weile zuhören? Sie fragte sich, wie eine solche Geschichte über die Exposition hinaus anregend bleiben konnte: Welche stilistische oder narrative Herangehensweise hätte das in diesem Fall leisten können? Andererseits, wie befriedigend war eine Geschichte, die ihren Konflikt nicht löste, noch begründete? Bestand nicht die Notwendigkeit, dass Erklärungen gefunden wurden für übernatürliche Geschehnisse, damit sie im Großen und Ganzen ernstzunehmen waren? Man hat, sagte sie, bei vielen Geschichten das Gefühl, der Autor hätte mehr daraus machen können, oder? Und dennoch: Genoss sie es nicht, zuweilen das Kind spielen zu dürfen, das sie in mancher Hinsicht gern noch gewesen wäre? Wie war dein Abend? Weißt du was? Meine Jagd? Diese Gründe sind für mich sozusagen abgegrast, verstehst du? Wie konnten mir solche Gedanken überhaupt kommen? Lag es an der Hitze? Am Alkohol? So lässt man sich jedenfalls nichts zuschulden kommen, oder? Und auch wenn man nur weiterzieht, einfach so, sieht man zumindest was von der Welt, nicht?

Kapitel 14

Ach ja? Wer denn? Wer im Palais lebt, sollte einen gewissen Anspruch an sich selbst stellen, meinst du nicht? Sollte man das? Nichts von Bedeutung zu sagen, hm? Ist das so? Warum versuchst du es nicht mal? Als der plötzliche Schauer verklungen war, blieb ein Lächeln, das die Lippen umspielte, schwach, doch nicht schwach genug, dass es Miroir nicht aufgefallen wäre, der ihr, nachdem er sie von den Zehenspitzen, vom Rieseln des Sandes hinauf gemustert hatte, in die Augen blickte und sagte: Du hast sehr wohl eine Idee für ein Projekt, nicht wahr? Und wie schwer konnte es ihm schon fallen, die Finger von Aske zu lassen– und im Übrigen, sollte er es in Erwägung ziehen, Kaori–, wenn er sich jederzeit mit einem Mädchen wie Fleur vergnügen konnte? Was, dachte ich, wenn sich die Hoffnungen, lange gehegt, nicht erfüllen? Was ist nur los? Liegt es an mir? Tja, und wenn es nicht so wäre? Was, wenn es in dieser goldenen Monotonie mit der Kunst einfach nicht weit her ist? Aber was, wenn ich recht habe und hier gar nichts von künstlerischem Wert zustande bringen kann? War Kunst eine Sumpfrose, die im Licht des Palais nicht zum Erblühen zu bringen war? Wozu denn auch? Gab es nichts, das sie für ihn tun konnte? Was soll ich mich abmühen, fuhr Miroir fort, an einem philosophischen Dialog, einem wohlkonstruierten Präludium, einer fesselnden Spielmechanik, wenn ich es mir einfach gutgehen lassen kann? Sag mal, fragte sie also nach nicht mehr als einem kurzen Moment des Zögerns, findest du mich eigentlich attraktiv? Wie bitte? Ich meine, hast du Lust, mit mir zu schlafen? Verstanden? Ist es das, was du meinst? Denn was ist denn eine Muse? Glaubst du etwa, dass ich das nicht leisten könnte? Metaphorische Küsse, sagte Aske, mit der anderen Hand am Knopf der Hose herumfingernd, während du dich nach viel mehr verzehrst? Ach nein? Wirklich nicht? Warum nur hatte Richard das Observatorium mit keinem Wort erwähnt? Hatte sie ihr Schicksal zu akzeptieren gelernt oder war nun die Besorgnis fürs Erste aufgebracht? Aber bist du sicher, dass du dich nicht mit der Zeit auch daran gewöhnen könntest? An so etwas wie ein gewöhnliches Leben, meine ich? Wenn man ehrlich ist … Sie zögerte, doch sagte: Ist es am Ende nicht eigentlich absolut egal? Es ist eigentlich nichts anderes als eine Religion, oder? Zweifelsohne teilte er Askes Sicht der Dinge– wie hätte er sie anders sehen können? Was war das Höchste, was sie tun konnte? Was ist das Verrückteste, das du tun könntest?

Kapitel 15

Who in the world am I? In Wirklichkeit bin ich doch eine gute Seele, was? Wir sind beide die Kapitäne, oder etwa nicht? Edgar, der Mann mit dem Zorn eines Wolfs und der Kraft eines Bären, schien aufs Innerste ergriffen; man mochte meinen, jeden Moment würden ihm die Tränen in die Augen treten– und dann? Was dann? Er lernte mit Richards Präsenz zu leben, die ihn daran erinnerte, was geschehen war– und was nicht–, doch Vergebung?! Welcher Impuls hätte ihn dazu bewegen können? Sollte Fleur das Palais verlassen– auch wenn es nun, da sie in ihrer Rolle als Maestra solche Erfüllung zu finden schien, unwahrscheinlicher denn je war–, würde er ihr folgen? Aber warum denn so früh? Übrigens, wir haben noch gar nicht darüber gesprochen: Die Auserwählte, habe ich dir zu viel versprochen? Ob Richard recht behalten würde? Wenn wir uns das nächste Mal sehen, wirst du deine Inspiration und deinen Ansporn vielleicht gefunden haben, ob in dem Mädchen oder– tja, vielleicht anderswo? Aber was wirst du nun tun? Tja, was meinst du? Er hat’s mir nicht wirklich vergeben, oder, Miroir?

Kapitel 16

Diese Perfektion, dachte sie, ach, wieso nur kann eine solche nicht auch mir zu eigen sein? Oder war sie es, auf eine andere Art? Es würde irgendwo auf der Welt sicherlich jemanden geben, der auch Niv für perfekt hielt, doch reichte das aus, um perfekt zu sein? Wie viele Bewunderer waren notwendig, um von objektiver Perfektion zu sprechen? Doch was hätte sie tun können? Und warum ist das so? Willst du dir das geschäftige Gekrabbel noch weiter ansehen, hörte sie sich fragen, oder wollen wir uns Dingen widmen, die, nun ja, sagen wir mal: einen äußerst geringen Relevanzradius besitzen? War da jemand? Edgar?! Was tust du denn?! Und wie könnte es schöner sterben? Können Käfer denn überhaupt betrunken werden? Sind das gerade seine schönsten Sekunden da drin? Das habe ich nicht gehört, okay? Ist es eher ein Münzschlitz, fragte Edgar, oder eine Rose? Es hat dir doch nicht die Sprache verschlagen? Eigentlich sollte man es genießen, mal so angegafft zu werden, meinst du nicht auch? Wolltest du schwimmen gehen? Oder warum so freizügig? Ich bin eher der Typ, der die Sonne um jeden Preis meidet, richtig? Auch nicht dem Kerzenwachs? Wer weiß, vielleicht heute Abend? Oder morgen? Übermorgen? Wir haben alle Zeit der Welt, nicht wahr? Sondern nur rot? Na, hast du einen angenehmen Tag verlebt? Hmmm, ›flüchtig, ohne bleibende Bedeutung‹, sieben Buchstaben, irgendeine Idee? Wie sollte man sich hier langweilen? ›Gewöhnungseffekt‹, elf Buchstaben? Habituation? ›Griechisch: Stillstand‹, fünf Buchstaben…? Nivvie? Was ist passiert? Was kann schon sein, solange du bei mir bist? Einen Versuch, sie wieder anzufachen, musste Niv noch wagen: Wenn es ihr nur gelänge, an Fleurs Passion und ihrem Glauben ans Projekt die eigene von Neuem aufflammen zu lassen, wer weiß, vielleicht würde man geschlossen der Maestra folgen? Hatte sie denn nichts bemerkt? Ja, Milady? Könntest du Fleur ausrichten, fragte sie stattdessen, – und nur ihr– dass in ihrem Gemach jemand auf sie wartet? In der Vorstellung stellte Niv manches mit diesem Leib an; die Obszönität der Gedanken ließ sich nicht mehr zügeln, und warum es versuchen? Doch Zweifel bestanden: War Aske, dieses verschlossene, nachdenkliche Mädchen, überhaupt zu verführen? Würde sie das Interesse erwidern oder sich– in Scheu oder gar Desinteresse– abwenden? Du konntest mich nicht leiden, oder? Aber jetzt schon? Oder? Ach, weißt du… Was soll ich wissen? Machst du dir Sorgen wegen Fleur? Immer noch nicht? Andererseits, wie hätte die Spinne so etwas wissen können? Sag mal, wäre es denn nicht eigentlich schmeichelhafter, fragte Aske nach einer Weile unvermittelt, jemandem nicht zu einer neuen Beziehung zu beglückwünschen, wie man es anstandshalber tut, sondern zu beklagen, dass er vom Markt ist? Das ist doch absurd, oder? Wieso halte ich es für unangebracht, zum Ausdruck zu bringen, wie sehr ich es genossen habe? Was soll ich mit ihr tun, Boss? Ist alles in Ordnung? Edgar? Was gibt’s? Glaubt ihr, fragte Emilia, der Einbruch könnte nur die erste Phase eines … extensiveren Plans gewesen sein? Schön brav bleiben, ja? Oder etwa nicht? Ob das nicht zumindest einen Gedanken wert wäre? Die Bärte, die schlichte Kleidung, der Irrsinn in den Augen: Sehen so nicht Gläubige aus, die ihre Lehre noch ernst nehmen? Und warum bitte? Aber das wär‘ doch keine wirkliche Strafe, oder? Geht das nicht ein bisschen zu weit? Aber Miro? Warum auch er? War es seine dämliche Besessenheit von der Idee der Vergebung, die da aus ihm sprach? Und die anderen? Du lässt diese Verbrecher also nur einsperren?! Wieso erkannten sie nicht, welche Möglichkeit, welche einmalige Gelegenheit sich hier bot? Merkst du nicht, dass deine Worte klingen wie die Worte eines Wahnsinnigen? Kennst du auch nur einen einzigen vernünftigen Menschen, der so was Abscheuliches sagen würde? Was würde wohl Iris sagen, wenn sie das gehört hätte? Oder Nova? Wie waren die drei hässlichen Gestalten auf die Idee gekommen, in ein Gebäude wie das Palais einzubrechen, einen Komplex von gewaltigen Ausmaßen, den massive Mauern umgaben, in dem sieben Gäste und zwölf Maiden lebten, und der oft noch zu später Stunde hell erleuchtet war? Nur wie? War sie tatsächlich bereit, einzutreten? Bereit für den Anblick und bereit für die Antworten? Oder sollte sie nicht besser jemanden um Hilfe bitten? Woher wusstet ihr’s? Woher wir es wussten? Ach ja? Nicht nur ihr verfügt über– wie nennt ihr das? Was, wenn die Gefangenen ihn auf irgendeine Weise erreicht hätten? Vielleicht waren es ja Schwestern von euch? Töchter? Ist es nicht schön heute Nacht? Was genau hast du getan? Kannst du dir das vorstellen?

Kapitel 17

Warum sollte ich mein glückliches Leben, wenn man so will, unterbrechen, um ein Kunstwerk zu schaffen, mich also einem Prozess zu widmen, der oft genug durchaus unangenehm ist, mühevoll sogar? Die Essenz dessen, was du da hattest, wird kaum einzufangen sein, und auch wenn’s dir gelänge: Wozu denn überhaupt? Was isses denn, das du den Leuten hier draußen mitteilen willst? Waren es Askes Zweifel, die auf ihn abgefärbt hatten, oder war er– als ihr Seelenverwandter, wie es hieß– nur ebenfalls dahintergekommen? Und überhaupt, murmelte sie, wozu sollten wir überhaupt noch Künstler sein wollen? Es wird sich ja doch nichts ändern, und das ist es doch, was Kunst eigentlich bewerkstelligen soll, oder nicht? Und trotzdem, übertreibt ihr es nicht ein bisschen? Was bleibt ’nem Künstler denn noch, der den Sinn für die Kunst verloren hat? Oder war da keine mehr? Wann findet die nächste Probe statt? Wie lange war das noch auszuhalten, wenn man, seit es begonnen zu haben schien, so viel mehr davon erwartete, bei jeder Gelegenheit unkonventionelle Entscheidungen traf, ohne dass dadurch je eine bedeutende Veränderung eintreten wollte? Hatte er denn sein Leben verschwendet? Unterschied er sich kaum von einem Gläubigen, der all seine Hoffnung ins Jenseits setzte und sich während seiner irdenen Zeit in Disziplin übte? Was wirst du nun tun? Ja, was würde er tun? Zurückkehren zu Secret Treasure? Ins alte Leben? Was soll ich mich abmühen für so was wie Macht, für so was wie Ruhm oder Ehre, wenn ich doch schon deine Liebe haben kann? Wirst du in der Finsternis, die das Leben manchmal eben ist– und bleiben muss–, mein Leuchtfeuer sein? Auf immerdar?

Kapitel 18

Die Herrscherin des Reichs – eine Prinzessin oder eine Königin? Wer war mehr zu bedauern: sie, die ins irdene Jammertal zurückgekehrt war, oder die anderen, die noch verzweifelt das Unausweichliche flohen? Was die anderen wohl gerade taten? Würde Miroir weiter daran zugrunde gehen, keine Inspiration zu finden, ja nicht einmal in Fleur, seiner ewigen Verlobten, dieser versehentlich-perfekten jungen Frau mit der liebenswerten Arroganz, die nun Maestra eines Misserfolgs war? Würde Niéve sich einigermaßen von dem erholt haben, was ihr widerfahren war, oder ihre Pein und ihren Zorn im Alkohol zu ertränken versuchen? Würde Edgar gute Miene machen, während er innerlich eine getrübte Freude darüber empfand, von Anfang an im Recht gewesen zu sein? Doch war sie das auch wirklich, die richtige Welt für sie? Diese Welt hier draußen? Ließ sich hier ein Leben finden mit einem Sinn, der von Dauer war? Ein Leben, das mehr war als eine Reihe von Ausflüchten? Wenngleich sie wusste, dass sich kaum etwas verändert haben konnte,– oder gerade deswegen? Lag aber nicht ohnehin gerade in der Unbeschreiblichkeit und die Flüchtigkeit eines Moments seine Besonderheit? –, die naive Hoffnung, was die Möglichkeiten dieser Welt betraf? Ist das Einzigartige denn das, was wirklich zählt?! Ob Em es mittlerweile selbst erkannt hatte? War sie möglicherweise bereits auf dem Weg nach Hause? Aske spielte mit dem Gedanken, aufzustehen und einen beliebigen Menschen anzusprechen, ihm zu erzählen, was geschehen war, und zu fragen: Wärst du geblieben?

Kapitel 19

Wie waren diese Männer aufs Palais aufmerksam geworden? Hätte er bei den Vorbereitungen sorgfältiger noch Acht geben müssen, mit wem er in Kontakt trat? Und dennoch: Hatte man denn tatsächlich damit rechnen müssen, dass Ort und Projekt, nachdem Edgar dem Palais zuletzt Toleranz, sogar Offenheit entgegengebracht hatte, noch die Verachtung anderer auf sich ziehen würde? Verachtung, die sich nicht in einer Laune begründete oder– wenn man großzügig war– in einem Wesenszug, sondern in religiöser Arroganz, durchdringend und unerlöschlich? Es war erschütternd, etwas zerbrechen zu sehen, das so vielversprechend begonnen und Richard mit solchem Stolz erfüllt hatte, mit Jugend und neuem Enthusiasmus– wann, wenn nicht jetzt, sollte ein leichter Rausch sich als nützlich erweisen? Wie, fragte er sich, konnte er auf einen solchen Weg geraten, der nun, nachdem auch Miroir gegangen war, so offensichtlich nur zum Rande eines Abgrundes führte, daran entlang? Woher kam nur Kaoris naives Vertrauen in das Projekt, wo selbst der Schöpfer es verloren hatte? Waren nicht die letzten Tage ohne jeden Zweifel die schönsten unseres Lebens? Wer lässt so was freiwillig hinter sich?! Und wenn Jahrzehnt um Jahrzehnt im Palais vergangen sein wird, was dann? Ein groteskes und lächerliches Bild, findest du nicht? Und wann, Kaori, gedenkst du zurückzukehren ins echte Leben? Mit wie schwerem Herzen, wie realitätsfremden Träumen? Aber wer hätte ahnen können, dass im scheinbar Besten eigentlich das Schlechteste liegt? Was war daran so schwierig zu verstehen? Der Dezemberschnee würde bald die frostdurchdrungenen Felder und die zertretenen Blätter auf Gehwegen und Trampelpfaden überdecken und einen glauben machen, die Welt sei nicht mehr so kompliziert, wo sie doch in eine Decke einheitlichen Weißes gehüllt sein und wie gemalt aussehen wird; wer brauchte das Palais, wenn die Welt da draußen in solcher Reinheit und Vollkommenheit erstrahlte? Ach, wie mache ich dir das bloß klar?

Epilog

Braucht man mehr als das?

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