Klug schreiben: 5 einfache Schreibtipps – und wann du sie brichst

Klug schreiben

Schreibtipps findet man im Internet – Achtung, Klischee! – wie Sand am Meer. Manche davon sind einfach umzusetzen und überaus wirkungsvoll. Doch auch wenn es wichtig ist, das schriftstellerische Handwerk zu beherrschen, sollte man sich von Regeln nicht den Stil diktieren lassen. Es gibt eine Reihe von Situationen, in denen man auch die besten Regeln mit voller Absicht brechen sollte.

Das Pareto-Prinzip besagt, dass sich 80 Prozent der Arbeit in 20 Prozent der Zeit erledigen lassen – und dementsprechend benötigt man für die restlichen 20 Prozent dann 80 Prozent der Zeit. Viele Phänomene lassen sich mit einer Paretokurve beschreiben, beispielsweise die Verteilung von Vermögen (einige wenige haben fast alles) oder kreativer Output (einige wenige sind weltbekannte und wahnsinnig produktive Künstler, während die meisten anderen sich nie an einem eigenen Werk versuchen). Dieses Prinzip gilt auch beim Schreiben und Überarbeiten von Büchern: Mit ein wenig Aufmerksamkeit lässt sich bereits viel erreichen.

Darum habe ich hier fünf Regeln zusammengestellt, die besonders einfach zu befolgen, aber besonders effektiv sind. Mit minimalem Aufwand könnt ihr euren Stil signifikant verbessern.

1. Show, don’t tell!

Eine Regel, die man besonders oft liest: »Show, don’t tell!« Der gebildete Mensch neigt zur Zusammenfassung und Abstraktion. Eine Erzählung wird jedoch lebendiger, wenn man eben nicht kurz und nüchtern wiedergibt, was sich zugetragen hat, sondern dem Leser die Chance gibt, sich die Sachverhalte anhand ausgewählter Details selbst zusammenzureimen. Insbesondere gilt das für die Gemütszustände und Motivationen von Figuren. Der gute Autor schreibt nicht einfach, dass sein Protagonist sich freut. Er zeigt dem Leser das strahlende Gesicht, die Ausgelassenheit, die gut gelaunten Dialoge mit anderen Figuren. Er schreibt nicht, dass sein Protagonist wütend ist, sondern zeigt die geballte Faust und lässt den Leser das wilde Flammen selbst spüren. Es ist immer eine gute Idee, die Liste der fünf Sinne durchzugehen und zu versuchen, die entsprechenden Wahrnehmungen der Reihe nach zu beschreiben.

Jetzt kommt das Aber: Nicht jedes Detail ist wichtig! Passagen, in denen nichts Bedeutendes passiert, können mit wenigen Sätzen übersprungen werden. Das kann sehr befreiend sein! Manchmal braucht man vermeintlich obligatorische Passagen gar nicht zu erwähnen, sondern kann direkt in die nächste Szene springen. Wenn nur einzelne Elemente, die darin vorgekommen wären, später eine Rolle spielen sollen, kann man sie oft genug nachträglich erwähnen. Das Plusquamperfekt gehört nicht ohne Grund in den Werkzeugkasten des Schriftstellers. Manchmal ist es sogar besser, etwas beiläufig und mit einer gewissen Selbstverständlichkeit einzuflechten, statt sich bei der Erklärung in Details zu verlieren. Der Leser fügt Ausgelassenes selbst ein, wo es sich logischer- oder notwendigerweise aus dem Kontext ergibt. Starte ruhig mal mitten im Geschehen – du wirst erstaunt sein, wie oft das problemlos funktioniert!

2. Füllwörter vermeiden!

Ein Zitat von Antoine de Saint-Exupéry besagt: Perfektion ist nicht, wenn man nichts mehr hinzufügen, sondern wenn man nichts mehr wegnehmen kann. Überflüssige Wörter zu entfernen, kann einen Text deutlich aufwerten. Das fällt einem zunächst schwer. Man liebt schließlich Wörter, liebt Beschreibungen, die schön detailliert sind – und hat vielleicht sogar das Ziel auf der To-do-Liste, jeden Tag eine bestimmte Anzahl an Wörtern zu schreiben. Man mag befürchten, dass der Text steif wirkt, wenn man ihn, wie man glaubt, auf sein Grundgerüst reduziert. Tatsächlich aber wirkt er professioneller! Manche Wörter können fast immer entfernt oder durch kürzere Alternativen ersetzt werden. Mit der Zeit entwickelt man ein Gespür für solche Wörter und lässt sie von vornherein weg. Auch Onlinetools oder das Programm Papyrus Autor können helfen, Füllwörter zu finden. Ist man sich unsicher, sollte man das Wort testweise streichen und den Satz lesen – fehlt nun wirklich eine entscheidende Information?

Adjektive und Adverben allerdings sind, solange sie die Bedeutung des Verbs nicht einfach doppeln (»großer Riese«, »leise flüstern«), keine Füllwörter! Dem oft gehörten Ratschlag, von diesen Wortgruppen die Finger zu lassen, sollte man nicht nicht gedankenlos folgen. Es gibt Situationen, in denen ein Synonym möglicherweise einen stärkeren Effekt erzielt als die Kombination aus Adjektiv und Substantiv bzw. Adverb und Verb (»Wälzer« statt »dickes Buch« oder »hetzen« statt »schnell laufen«), doch spricht nichts dagegen, Dinge und Handlungen durch zusätzliche Wörter zu qualifizieren, solange man sich im Klaren darüber ist, warum man es tut.

3. Syntax und Satzlänge variieren!

Simple Sätze sind leicht, verschnörkelte Sätze schön zu lesen. Zudem gelten Semikola und Parenthesen als Kennzeichen anspruchsvoller Literatur. Der gebildete Autor lässt sich daher nur allzu leicht dazu verleiten, seinen Lesern zugunsten eines sich vom Mainstream abhebenden Stils einiges abzuverlangen – oder positiver ausgedrückt: zuzutrauen. Es gibt genügend Leser, die sich gern auf ein kunstvolles Werk einlassen. Die Richtlinie, der Geschichte genau eine neuen Information pro Satz hinzuzufügen, darf man jedenfalls getrost vergessen. Oft ist es aufgrund der Komplexität und Widersprüchlichkeit menschliche Denkens und Handelns gar nicht möglich, alle Kausalitäten und Nuancen als separate Elemente darzustellen. Bei aller Liebe zur Sprache und bei allem rhetorischen Geschick kann es dennoch nicht schaden, dann und wann Verschnaufpausen in Form simpler Sätze einfließen zu lassen. Die Abwechslung von langen und kurzen Sätzen verbessert zudem die Textrhythmik.

Allerdings gibt es auch hierbei eine Einschränkung. Denn die Aneinanderreihung langer oder kurzer Sätze kann eine interessante Wirkung erzielen: Der Erzähler oder die Figur palavert seitenlang und legt eine assoziative Rhetorik ohne klare Linie an den Tag, oder er bzw. sie wirkt andererseits durch Ellipsen, vielleicht sogar nur einzelne Wörter kurzatmig, streng, gehetzt. Die Weite und Erhabenheit der Landschaft sowie das Überwältigtsein des Betrachters werden durch die ausschweifende Beschreibung illustriert, die kaum einmal zum Punkt kommt. Im Kontrast dazu unterstreicht eine Serie kurzer Sätze die Action einer Szene oder die chaotischen Gedankengänge einer Figur.

4. Über den funktionalen Stil hinauskommen!

Dieser Punkt überschneidet sich mit dem vorherigen, doch will ich auf etwas anderes hinaus. Dieser Tipp zielt nicht auf die syntaktische Struktur ab, sondern auf euren Schreibstil insgesamt und auf eure Inhalte. Wie gesagt: Mainstream-Literatur neigt dazu, einfach zu sein. In jeder Hinsicht. Der Handlung lässt sich meist leicht folgen, die Themen sind harmlos und – seien wir ehrlich – selten innovativ. Das kann man verstehen: Die breite Masse der Leser mag gebildet sein, scheint sich aber trotzdem herzlich wenig für »anspruchsvolle Literatur« zu interessieren. Ich glaube allerdings nicht, dass dieser Eindruck der Wahrheit entspricht. Meines Erachtens liegt das Problem nicht bei den Lesern, die nämlich größtenteils durchaus bereit wären, etwas Komplizierteres (und Interessanteres) zu lesen, sondern beim Marketing der Verlage. Dort wagt man sich an eine High-Budget-Vermarktung von Literatur, die sich statt an modernen Bestsellern an Klassikern orientiert, nicht heran. Als Autoren können wir zur Lösung dieses »Problems« beitragen, indem wir da ansetzen, wo wir es können: Bei unseren eigenen Werken. Auch wenn wir möglichst präzise und verständlich schreiben wollen, sollten wir unsere Romane nicht jeden Funkens Anspruch berauben, nur weil wir fürchten, dass sich Anspruch nicht verkauft. Unser schriftstellerischer Stolz sollte es uns gebieten, die schönste Sprache zu Papier zu bringen, zu der wir fähig sind, statt nur eine Geschichte grammatikalisch korrekt in das Dokument zu tippen. Seid Künstler! Oder strebt zumindest danach. Ihr werdet wahrscheinlich nie schreiben wie Fitzgerald (ein praktisch unerreichbares Ziel), aber egal, was ihr zuletzt geschrieben habt: Ihr könnt es noch besser, ganz bestimmt.

Trotz alledem gibt es Momente, in denen die Verständlichkeit einer Szene über allem stehen sollte. Besonders in klassischer Literatur gehen die entscheidenden Informationen oft unter, weil Handlungen und Motivationen kryptisch beschrieben oder nur angedeutet werden. Literarische Easter Eggs – wenn man so will – sind interessant und belohnen den Aufmerksamen und Belesenen, gehören jedoch nicht in die Schlüsselszenen eines Romans. Man macht jede gute Vorbereitung von Offenbarungen oder Plottwists zunichte, wenn man – vielleicht sogar mit voller Absicht – den alles verändernden Moment unvollständig oder missverständlich darstellt. Sicherzustellen, dass die Handlung an diesen Stellen leicht zu verstehen ist, hat nichts damit zu tun, dass man seine Leser für dumm hält. Jeder von uns hat Momente, in denen es an Konzentration mangelt, deshalb benötigen Schlüsselszenen ein erhöhtes Maß an Klarheit.

5. Szenerie, Handlung und Dialog in Balance halten!

Eine Landschaftsbeschreibung kann poetisch sein. Eine Verfolgungsjagd spannend. Eine Diskussion unterhaltsam. Im Roman vereinen sich Szenerie, Handlung und Dialog. Das Verhältnis ist von Roman zu Roman unterschiedlich, doch ist darauf zu achten, dass man den Leser nicht mit überdetaillierten Beschreibungen, seitenlangen Erzählpassagen oder aus- und abschweifenden Dialogen langweilt. Wer Poesie, Spannung und Unterhaltung schätzt, kann sie in vielen anderen Büchern in Reinform lesen. Bei der Lektüre eines guten Romans erwarten wir, dass uns diese Bestandteile abwechselnd und portionsweise dargeboten werden und sich dabei sinn- und wirkungsvoll ergänzen. Erst in der ausgewogenen Kombination der Elemente wird dein Roman lebendig.

So wichtig Abwechslung aber auch ist, gebietet die Faustregel nicht, Literatur, die sich natürlich und in höchster Qualität entfaltet, zwanghaft zu unterbrechen. Detaillierte Beschreibungen der Atmosphäre, eine Figur in Aktion, ausdauernde Wortgefechte – all das kann derart interessant sein, dass ein vorzeitiges Ende den Leser nicht erleichtert aufatmen, sondern betrübt seufzen lässt. Wann eine Passage weitergesponnen werden sollte und wann man aufhören sollte, lässt sich als Autor in der Regel schlecht beurteilen. Betaleser und Lektoren können das sehr viel besser. Kommentare, die das Wort »langatmig« oder aber den Satz »Das hätte ich noch stundenlang weiterlesen können« beinhalten, sollte man ernstnehmen.

Mit wenig Aufwand zum besseren First Draft

Das waren sie, meine fünf Tipps für Autoren mit dem besten Kosten/Nutzen-Verhältnis, die aus der (wenn auch mit der Zeit immer skeptischeren) Lektüre verschiedener Blogs und aus meiner eigenen Erfahrung als sprachverliebter Leser und ambitionierter Autor entstanden sind. Wenn ihr sie beherzigt – da, wo es Sinn macht –, schreibt ihr im Handumdrehen weit bessere erste Entwürfe und spart euch so eine Menge Zeit beim Überarbeiten.

Viel Erfolg!

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Frage an euch: Fandet ihr diese Tipps hilfreich? Wollt ihr mehr davon? Was wäre euer Top-Tipp für angehende Autoren? Schreibt’s mir in die Kommentare oder unter den Post auf Instagram!

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