7 Fragen, 7 Antworten: Was Leser wissen wollten

7 Fragen, 7 Antworten

Nach der Veröffentlichung eines Romans werden einem als Autor allerhand Fragen gestellt. Sowohl Leser aus dem engeren Umfeld als auch die Redakteure kultureller Campus-Radio-Sendungen interessieren sich für verschiedene Aspekte rund um den Schreibprozess, das Thema des Werks oder die Bedeutung einzelner Szenen.

Es ist keineswegs so, dass ich solche Fragen ungern beantworte, im Gegenteil. Da ich allerdings aus gutem Grund meine Ideen literarisch darlege und nicht als Redner in Erscheinung trete, das heißt: besser schreiben als (wohlstrukturiert und nachvollziehbar) reden kann, nutze ich diesen Blogbeitrag, um einige Fragen zu beantworten, die mir gestellt wurden.

Wie ist deine Herangehensweise beim Schreiben eines Romans?

Ich habe mich bei Zeichen von Herbst und Gegenlicht mit einer vagen thematischen Orientierung und einer groben Struktur ans Werk gemacht und nach und nach weitere Elemente hinzugefügt, die dazu passten. Die Ideen sind also zur Hälfte vor dem Schreiben und zur Hälfte währenddessen entstanden. Wichtig ist, den Fokus nicht zu verlieren. Geistesblitze und Material, die sich nicht in den Roman integrieren lassen, kommen bei mir in ein (mittlerweile sehr umfangreiches) digitales Notizbuch. Auch Passagen, die beim Überarbeiten des Romans doch noch gestrichen werden, kopiere ich dort hinein. So fällt das Streichen leichter; es geht ja nichts wirklich verloren. Ich kann die Ideen später, vielleicht sogar verbessert, woanders einbauen.

Altersunterschiede, Feminismus, weibliche Homosexualität, Leistungsgesellschaft, Religion, unkonventionelle Beziehungen – warum sind kontroverse Themen Bestandteil deiner Romane?

Ich möchte, dass meine Romane über die Handlung hinaus interessant sind. Deshalb werden viele Ideen diskutiert, bei denen sich die Geister scheiden oder bei denen es unterschiedliche Meinungen gibt. Schon bei der Auswahl von Themen, die für kontrovers gehalten werden, herrscht im Übrigen gewiss keine Einigkeit. Meines Erachtens lohnt es sich immer, die Gegenseite anzuhören, und wenn auch nur in literarischer Form. Man mag sich über seine eigenen Ansichten bereits im Klaren sein und diese gut begründen können, neue Perspektiven (oder bekannte Perspektiven in alternativer Darstellung) sollten von Interesse bleiben.

Einige der Diskussionen in meinen Romanen, das gebe ich gerne zu, waren Zwiegespräche mit mir selbst, ausgetragen von meinen Figuren. Auf diese Weise erfährt man leicht, was man von einer Sache hält, und lässt den Leser an einem hoffentlich interessanten Gedankengang teilhaben. »Wie soll ich wissen, was ich denke, bevor ich höre, was ich sage?« lautet der Titel eines Buches von Franca Parianen; das trifft’s ganz gut. Auch in Szenen, in denen ich als Autor scheinbar deutlich Partei ergreife, bin ich mir manchmal eigentlich gar nicht so sicher – oder habe eine ganz andere Meinung, die aber nicht zur Funktion der Szene oder zur Charakterisierung der Figur gepasst hätte.

Apropos Szenenfunktion: Welche Funktion hat die Szene, in der Niéve sich, auf Fleur wartend, allein beschäftigt?

Die Antwort des Künstlers würde lauten: Der Versuch, den Tag abzurunden und ähnlich ausklingen zu lassen, wie er begonnen hat – im Bett mit Fleur –, scheitert und zeigt die getrennte Verbindung zwischen den besten Freundinnen, die dem Ersatz der »dunklen Aurora« Fleur durch die anderweitig dunkle Aske vorausgeht. Er zeigt das Gefühl von Isolation, das zunächst den Aufenthalt im Palais insgesamt charakterisiert hat und sich nun in die zwischenmenschlichen Beziehungen drängt, sowie die in dieser Krise unter Beweis gestellte Fähigkeit einer Figur, der tiefe Freundschaft und Loyalität von größter Bedeutung ist, sich auch allein zu vergnügen. Niéves Ungeduld mag etwas überspitzt dargestellt sein – kleines Wortspiel am Rande –, doch es stimmt, was Fontane sagte: »Wer ängstlich abwägt, sagt gar nichts. Nur die scharfe Zeichnung, die schon die Karikatur streift, macht eine Wirkung.«

Die Antwort des Hipsters würde, begleitet von einem Schulterzucken, lauten: Warum nicht?

Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen: Es hätte andere Möglichkeiten gegeben, das nahende Ende des Projekts darzustellen, diese Variante aber gefiel mir gut – weil die Hälfte der Leser die Entscheidung irritiert in Frage stellt und die andere Hälfte ihr möglicherweise etwas abzugewinnen weiß.

Warum findet das Projekt des Palais ein solch gewaltsames Ende?

Es geht um Kontraste auf mehreren Ebenen. Das gewaltsame Ende steht im Kontrast zur Idylle des Palais, außerdem steht es im Kontrast zum Titel des Romans, denn es handelt sich hier schließlich nicht um ein langsames Verblassen des Glücks – wie der Herbstbeginn das langsame Verblassen des Sommers einläutet –, sondern um dessen abrupte Zerstörung. Darüber hinaus besteht in der Religion im Allgemeinen die Antithese zu einem diesseitigen Paradies in Form hedonistischer Ausschweifungen. Und wie der religiöse Mensch seine Sinnesfreuden aufschiebt, schiebt das Palais das Unglück auf, das, wie man am Ende erkennt, zum Leben gehört. Während das Himmelreich aller Wahrscheinlichkeit nach nicht tatsächlich existiert, ist die Gewalt, mit der das Unglück über die Bewohner des Palais hereinbricht, real.

Die Protagonistinnen deiner Romane sind 17 bis 19 Jahre alt. Sind Zeichen von Herbst und Gegenlicht Jugendliteratur?

Nein. Es liegt mir fern, Lesern in diesem Alter von meinen Romanen abzuraten – ich bezweifle, dass sie damit in irgendeiner Hinsicht überfordert wären; der durchschnittliche Jugendliche ist weit weniger sensibel, was bestimmte Themen betrifft, als gemeinhin angenommen wird –, allerdings ist die primäre Zielgruppe durchaus eine andere. Gegenlicht und mehr noch Zeichen von Herbst sollen künstlerisch, philosophisch und politisch interessierte Menschen mit einer gewissen Lebenserfahrung ansprechen, die ihre Neugier hinsichtlich alternativer Lebensstile und Ansichten nicht abgelegt haben. Die Kernzielgruppe sind meiner Einschätzung nach gebildete Millenials, also Studenten und Alumni neueren Datums, wahrscheinlich am ehesten der Geisteswissenschaften, aber wer weiß.

Entspricht Elias’ Biografie, die er Novalie in aller Ausführlichkeit darlegt, deiner eigenen?

Wieder nein. Es handelt sich bei dieser Biografie – wie es bei Fiktion nicht selten vorkommt – um eine Verschmelzung aus Anekdoten, anderen Werken, Fantasie und eigenen Erfahrungen, teilweise überzeichnet, teilweise entschärft, und vor allem deutlich gekürzt, das heißt: auf Essenzen herunterdestilliert. Grundsätzlich ist in meinen Romanen manches biografisch, manches aber auch das genaue Gegenteil dessen, was ich erlebt habe, gern erlebt hätte oder mal erleben möchte. Kurzum: Es ist kompliziert, mit Absicht intransparent und vor allem immer dem Thema des Romans untergeordnet.

Ist es nicht eingebildet, zu glauben, die Leute würden sich für deine Gedanken interessieren?

Jeder Mensch, der etwas auf sich hält, glaubt, dass sich andere für seine Gedanken interessieren. Ein Roman ist nur effizienter als eine gewöhnliche Konversation, denn darin lege ich meine Gedanken im richtigen Detailgrad und mit größtmöglicher Präzision dar, in einer Form, die ein großes Publikum erreicht, heute und auch morgen noch.

Davon abgesehen, kann Kunst natürlich immer nur das Angebot zur Rezeption und Reflexion sein; sie drängt sich niemandem auf. Manch einer wird meine Romane allein der Handlung, nicht der Ideen wegen lesen, und manch anderen wird nichts davon überzeugen können – das ist ganz normal. Und was wäre die Alternative dazu, seine Gedanken zu Papier zu bringen und als Roman zu veröffentlichen? Würde jeder seine Gedanken für sich behalten, wäre uns wohl einiges an interessanter, sogar bedeutungsvoller Kunst vorenthalten geblieben.

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Haben Sie weitere Fragen zu Zeichen von Herbst, Gegenlicht oder meiner schriftstellerischen Tätigkeit im Allgemeinen? Kommentieren Sie hier! Alle Fragen, zu denen ich etwas Interessantes zu sagen weiß, werde ich gern in einem weiteren Beitrag dieser Art beantworten.

2 Kommentare zu „7 Fragen, 7 Antworten: Was Leser wissen wollten“

  1. magst du einen deiner Charaktere so überhaupt nicht? Oder kannst du bei allen sagen, mit denen würde ich mich (wenn es sie so geben würde) verstehen. Und welcher ist dein Lieblings Charakter und warum?

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