Joker

Edgar von Hardenberg: Der archetypische Narr in »Zeichen von Herbst«

Einige Figuren meines Debütromans neigen, ihrer Vorliebe für poetische Kunst und ihrer Sehnsüchte ungeachtet, zu zynischen Bemerkungen. Edgar, Gitarrist einer Postrockband und Bruder des Hausherrn des sogenannten Palais, hält sich mit den Provokationen besonders wenig zurück. Welche Funktion ein solcher Charakter in künstlerischen Werken erfüllen kann und weshalb ihn zu schreiben mir große Freude bereitet hat.

Romanfiguren können vollkommen fiktional sein, auf Bekannten, Freunden oder Prominenten basieren oder Eigenschaften unterschiedlicher Quellen in sich vereinen. Die Figuren in Zeichen von Herbst sind Letzteres. Sie sind, wenn man so will, Chimären, Verschmelzungen physischer und charakterlicher Attribute, die teilweise reale Vorbilder haben und teilweise der Fantasie entspringen, teilweise überspitzt sind und teilweise abgemildert oder ins Gegenteil verkehrt.

Ich kenne niemanden, der voll und ganz mit der Figur der Niéve vergleichbar wäre. Man kennt jedoch einen Phänotyp wie den ihren, eine Attitüde wie die ihre, jemanden mit ihren Vorlieben und Gewohnheiten, jemanden, der spricht und sich verhält wie sie. In gewisser Hinsicht ist sie ein Frankensteinsches Flickwerk, zusammengesetzt und zum Leben erweckt – nur sicherlich nicht so hässlich.

Niemand in meinem Umfeld entspricht Emilia in allen Facetten, doch man kennt kleine Schwestern, kennt intelligente und vernünftige junge Mädchen aus anderen Werken, kennt Streberinnen und Träumerinnen mit einem Hang zur Fantasie und einer Affinität zu »schönen Dingen«, zu femininen ästhetischen Ausprägungen. Man erinnert sich vielleicht an die eigene Jugend und erkennt Themen, mit denen man sich selbst beschäftigt hat, in Emilias Gedanken wieder.

Edgar von Hardenberg: Chaot, Trunkenbold, Zyniker, Narr

Auch Edgar von Hardenberg ist ein chimärischer Charakter, und zwar von der besonderen Art. In ihm vereinen sich mit voller Absicht unangenehme Eigenschaften: Er ist unverbesserlicher Chaot, ordinärer Trunkenbold, rücksichtsloser Zyniker. Er raucht. Er ist laut. Er verkörpert Widersprüche.

Eine Figur wie Edgar ist nicht trotz, sondern aufgrund seiner Art unterhaltsam. Er eckt an, doch er hat immer etwas Interessantes zu sagen. Und wer weiß, vielleicht spricht er ab und zu ja Wahrheiten aus, wie es sich sonst niemand traut? Bringt er nicht manchmal Sachverhalte auf den Punkt, die komplex und verwirrend sein können, aber für gewöhnlich nicht zur Diskussion stehen? Wenn Edgar behauptet, dass Frauen Aufopferung verlangen und es Romantik nennen, stimmt ihm da nicht manch einer insgeheim zu?

Nicht nur dem Leser machen Edgars Tiraden und Fauxpas Spaß. Für den Autor bietet der archetypische Narr – der sich mehr erlauben darf als alle anderen und beispielsweise Kritik zum Ausdruck bringt, wenn die Obrigkeit tyrannische Tendenzen zeigt – eine Projektionsfläche für den eigenen Unmut, für Polemik und Vulgarität, für ausufernde philosophische Betrachtungen, die, wie man meint, recht spannend zu verfolgen sein mögen, jedoch dem Anschein nach in Sackgassen führen.

Um nicht, wie es naheliegend wäre, dem Protagonisten des Romans aufzubürden, immerzu Menschen und Dinge anzuprangern, damit nicht dieser immerzu wettern und fluchen muss und Gefahr läuft, zum Antihelden und Miesepeter zu verkommen, nutzt der Autor den Narr als Sprachrohr. Dessen unumwundene Art und die heftigen Reaktionen, die sie hervorruft, kleiden Kritik und Gegenkritik in ein unterhaltsameres Gewand.

Freiheit.

Gute Literatur ist ein Produkt von Disziplin. Die Tätigkeit des Schriftstellers hat, wenn das Ergebnis sich lesen lassen soll, mit Spaß am Schreiben meist wenig zu tun. Jedes Wort muss treffend gewählt sein, im Kontext des Satzes und des Gesamtwerkes überprüft, gegebenenfalls ersetzt werden. Man schlägt die exakte Bedeutung nach, recherchiert Synonyme. Man prüft den Text auf Wortwiederholungen. Man streicht, stellt um, schreibt neu, streicht mehr.

Für eigene Meinungen, Dinge, die man sagen, der Welt mitteilen will, bestehen begrenzte Möglichkeiten, wenn die Konsequenz von Handlung und überspannendem Thema eines Romans gewahrt werden soll.

Eine Figur wie Edgar bedeutet Freiräume. Auf diesem Kanal kann man es sich als Autor erlauben, thematisch abzuweichen, denn es entspricht der Erwartung des Lesers, der sich an Edgars Unberechenbarkeit und die Vielfalt seiner Sujets gewöhnt. Man nimmt nicht alles, was der Narr sagt, für bare Münze, und so darf er Provokantes, Undurchdachtes, zuweilen sogar absichtlich oder unabsichtlich Falsches von sich geben.

Was Romanfiguren äußern, ist grundsätzlich niemals mit der Meinung des Schriftstellers dahinter gleichzusetzen, doch die Trennung zwischen Geschriebenem und Schreiber fällt umso leichter beim Archetyp des Narren, wenn also die Figur vom Autor selbst offensichtlich belächelt wird, er ihn Absurdes tun und sagen, ihn wie eine Karikatur wirken lässt.

Übung und Experiment

Edgar war, abgesehen von einem Gefühl der Freiheit und dem katharsischen Effekt der schonungslosen Kritik, eine rhetorische Übung: Wie weit reicht meine Vorstellungskraft beim Bestreben, dem Narren überzeugende Argumente in den Mund zu legen? Es ist ein Rollenspiel: Wie stelle ich eine Behauptung, an die ich selbst nicht glaube, möglichst einleuchtend dar, und zwar nicht nur im Sinne einer glaubhaften Figur, sondern so, dass man sich das Gesagte tatsächlich noch einmal durch den Kopf gehen lässt?

Über die (meines Erachtens) angemessene Gesellschaftskritik hinaus habe ich Edgar zuweilen Meinungen äußern lassen, die ich nicht teile, Dinge tun lassen, die mir fern liegen. Die Frage dabei lautete: Wie weit kann ich gehen, welches Ausmaß an Provokation kann ich in meinem Werk vertreten? Nicht nur der Narr bietet Ansatzpunkte, diese Frage zu beantworten, doch mit ihm kann man literarischen Schabernack treiben, ohne dass es auf einen selbst zurückfällt. Der Leser, der die Miene verzieht, verzieht sie über Edgar. Es war ein Selbstexperiment mit Sicherheitsvorkehrungen.

Man hört dem Narren zu

Es stellt sich letztendlich natürlich die Frage: Nimmt man denn die Kritik des Narren ernst? Ist die Äußerungen durch ihn nicht abgeschwächt, die Methode kontraproduktiv, wenn die Kritik angehört, reflektiert und idealerweise für berechtigt befunden und weitergetragen werden soll?

Obwohl Edgar, wie es heißt, ein »komischer Kauz« ist, stechen seine Aussagen aufgrund der brachialen Art des Vortrags heraus, erhalten einen besonderen Akzent innerhalb des Szenarios. Der Leser mag sich dadurch aufgefordert fühlen, Edgars Kategorisierung und Behandlung als Narr in Zweifel ziehen, sich fragen, ob nicht doch etwas dran ist an den steilen Thesen, die er von sich gibt. So wird Edgar entweder als missverstandenes Genie wahrgenommen, als Mutiger, der sich traut, die Wahrheit zu sagen, oder man fühlt sich in seinen eigenen Ansichten, wenn sie von den vermeintlich absurden Ansichten eines witzelnden Trunkenbolds abweichen, bestätigt.

Beides kann dem Autor, der kein Propagandist ist, sondern zur Reflexion anregen will, nur recht sein. Denn um einer (weiteren) sozialen Polarisierung vorzubeugen, ist der Dialog von entscheidender Bedeutung. Dazu muss man sich selbst und die andere Seite verstehen, muss Provokationen ausgesetzt sein, sich mit allen möglichen Themen und Meinungen befassen, auch mit solchen, wie nur ein archetypischer Narr sie äußert.

Letztendlich übt Edgar, der in seiner Kritik den Ernst anscheinend vermissen lässt, also doch eine Wirkung aus und trägt auf seine Weise dazu bei, den gesellschaftlichen Dialog zu schüren und einen Wandel herbeiführen.

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Wie sehen Sie’s: Haben Sie sich mit Edgars Ansichten auseinandersetzen wollen, vielleicht sogar anfreunden können? Fanden Sie den Tunichtgut unterhaltsam oder hat er Sie – wie eine Leserin in ihrer Rezension auf Amazon sagt – zur Weißglut getrieben? Welche anderen Bücher kennen Sie, in denen die Narrenfigur eine wichtige Rolle spielt?

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